Pink Floyd hinterließen eine überwältigte, befangene Gemeinde!

The Treasures of Pink Floyd

13.3.2012: Pink Floyd spielten am 12. März und am 16. November 1970 in Hamburg. Torsten Boye stellte uns zwei sehr beeindruckende Konzertberichte vom Hamburger Abendblatt zur Verfügung. Viel Vergnügen beim lesen!

Bericht von Torsten Boye

Schön, Hartmuts Zeitzeugenbericht zu lesen. Nicht nur, weil ich seinerzeit noch nicht einmal das fünfte Lebensjahr vollendet hatte, kann ich an dieser Stelle leider nicht mit der Schilderung vergleichbarer persönlicher Erlebnisse aufwarten. Ich hatte jedoch einen sehr lieben Chef, der mir häufiger von »seinen« Hamburger Pink-Floyd-Konzerten von 1970 erzählte. Schließlich übergab er mir vor und nach seiner Pensionierung sehr viele Vinyl-Erstpressungen in neuwertigem Zustand, darunter auch die von Hartmut erwähnte »Big Pink«.

Da ich jetzt nicht alle Details seiner Erzählungen wiedergeben kann, möchte ich stattdessen gern die damaligen Artikel im Hamburger Abendblatt, die mir der Gute ebenfalls überließ, zitieren:

Geräuschfestival im Audiomax

13.3.1970 Hamburger Abendblatt | Die englische Gruppe Pink Floyd kreierte am Donnerstag (12.3.1970) im überfüllten Audiomax ein Kunstwerk aus Geräusch, sphärischen Klängen und Technik, auf das die geläufigen Schlagworte der Musikkritik kaum noch anwendbar sind.

Die Musiker waren in der Standardbesetzung ungezählter Beatbands mit zwei Gitarren, Orgel und Schlagzeug erschienen. Aber diesen Instrumenten wurden Töne oder vielmehr Geräusche entlockt, die man im Konzertsaal noch nicht gehört hatte. Vor allem mit raffiniert ausgeklügelten akustischen Apparaturen, mit überall im Saal verteilten Lautsprechern, Halleffekten, zwischengeschalteten Tonbändern und mehrdimensionaler Stereophonie entstand die verblüffende Illusion einer neuen Klangkunst. Der – leider unbekannte – Toningenieur war der Meister des Abends.“

Was waren das für Zeiten: Nur acht Monate später, am 14.11.1970 waren unsere Helden schon wieder in Hamburg – diesmal in der Ernst-Merck-Halle.

Die ‚Pink Floyd‘ ließen 4000 Fans erstarren

16.11.1970 Hamburger Abendblatt | Viertausend junge Hamburger saßen wie erstarrt, vereinzelte Pfiffe versanken wirkungslos in der Andacht der schweigenden Mehrheit, das Gastspiel der ‚Pink Floyd‘ hatte mit einem Popkonzert wenig Ähnlichkeit. Wenn nicht nach den einzelnen Stücken geklatscht worden wäre, hätte man den Eindruck haben können, der Beerdigung eines Zaren beizuwohnen. Statt Jubel herrschte Ergriffenheit, statt Rock und Rhythmus die Feierlichkeit gregorianischer Gesänge.

Der Klang der Instrumente wurde von einer wohl einmaligen elektronischen Anlage verstärkt, zerfetzt, geballt, verfremdet, verdoppelt, verdreifacht, verzehnfacht bis zur Klangfülle eines Sinfonieorchesters. Richard Wright entfesselte auf seinen Orgeltasten eines Orkan, weckte die Elektronik wie einen schlafenden Riesen. Die fast behutsamen Griffe von David Gilmour machten seine Gitarre zu einer Fanfare, Roger Waters verwandelte mit seiner Baßgitarre die still lauschenden Zuhörer in vibrierende Resonanzböden und Nick Mason erinnerte mit seinem Schlagzeug daran, daß die Pink-Floyd-Musik einmal aus dem Blues entwickelt wurde.

Pink Floyd sind Virtuosen der Stereophonie, der elektronischen Manipulation. Sie ließen Schritte über die Ränge tappen, daß man sich unwillkürlich umdrehte und die Halle nach King Kong absuchte, sie ließen ein Flugzeug unter der Decke kreisen und manch einer ertappte sich dabei, daß er in Erwartung einer Notlandung den Kopf eingezogen hatte.

Es kann keinen Zweifel geben, daß diese vier Musiker, die eine komplizierte Elektronik beherrschen, wie andere das ‚Mensch ärgere dich nicht‘, zu den Meistern auf ihrem Gebiet gehören. Die vier Apostel der elektronischen Popmusik feierten in der Ernst-Merck-Halle eine Messe von hohem Anspruch und hinterließen eine überwältigte, befangene Gemeinde.“ (Emanuel Eckardt)

Ich stelle fest, nicht nur die Musik, sondern auch die Art, über diese zu berichten, sowie ihr offenkundiger Stellenwert in einer nicht ganz so schnelllebigen Welt unterscheiden sich grundlegend von meiner heutigen Wahrnehmung.

1 Antwort

  1. Werner sagt:

    Vielen dank Torsten für diese beiden Rezensionen!

    Eine meiner Lieblingsstellen des Textes:

    ……Wenn nicht nach den einzelnen Stücken geklatscht worden wäre, hätte man den Eindruck haben können, der Beerdigung eines Zaren beizuwohnen. Statt Jubel herrschte Ergriffenheit, statt Rock und Rhythmus die Feierlichkeit gregorianischer Gesänge…..

    Du hast völlig recht, wenn du darauf hinweist wie sich im laufe der Zeit die Art der Berichterstattung verändert hat!

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