Latin America is different! Roger Waters Tourstart in São Paulo!

Roger Waters Südamerika Tour 2018

Roger Waters startete den dritten Teil seiner globalen „Us+Them“ Tour mit einem Stadionkonzert in São Paulo! Gerade recht das Waters vorbeischaut, nach dem Rechtsruck mit der Wahl des brasilianischen Trump Jair Bolsonaro

Latin America is different!

Von Jörg Spangenberg

 Zuerst möchte ich sagen, dass ich froh bin, heute endlich, live, die monumentale Erzählung (die Narrative) von Roger Waters Lebensweg und seines Lebenswerkes (von Meddle bis Is this the Life we really want?) noch besser verstanden zu haben. Ich bin völlig begeistert, von dem, was ich eben in der Allianz-Arena in São Paulo erleben durfte, ein perfektes Konzert: Es ist die Erzählung der Sphäre, die, wenn man die Literatur kennt, mit Verlaub, stark an die Philosophie des deutschen Denkers Peter Sloterdijk und dessen ‘Sphärentrilogie’ angelehnt ist.  Die Sphäre erscheint bereits bei Breathe ueber der Stadt schwebend als Symbol unseres Wirkungs- und Gesichtskreises, findet in der Stadt die in der Story, (oder auch dem Kinofilm) wiederkehrende Battersea Power Station (aesthetisches Symbol für Macht und damit gepaarter Grausamkeit) und zum Ende hin erscheint uns die Sphäre dann auch physisch, wird ein anderer aufgeblasener Körper im Innenraum des Stadions, ein Symbol der Hoffnung, vor allem im Vergleich zu dem Schwein. Die Sphäre schwebt nämlich weiter, bis zum Ende, sie sackt nicht in Bodennähe ab (wie das eben noch fliegende Schwein dass dann symbolisch vor meinen Augen von den Fans in Stücke gefetzt wird), sondern bleibt erhaben im Raum stehen!  Pigs (Three Diffent Ones) ist natürlich ein Highlight, eindeutig ein Stück, für dass es sich lohnt, ein Roger Waters-Konzert zu besuchen.

Besonders erfreulich finde ich auch, dass er Welcome to the Machine und Time wieder inbrünstig (nicht näselnd!) selber singt. Man merkt, dass die Band sehr gut eingespielt ist und Spass hat, David Kilminster ‘kopiert’ zwar nur Soli, (die für ihn, wie er sagte, wenig herausfordernd sind), das aber bi’s zur Perfektion. Jeder Ton stimmt, und dass ist uns Floyd-Fans nun mal wichtig, schliesslich können wir sie alle mitsummen. Mich erinnern Rogers Versionen, vor allem die von Time, an die, auch von ihm gesungenen Original-Demoversionen, die er damals für sich, und die Band gemacht hat. Bei mir somit erfreulicherweise kein Endruck von Coverband.  Mit dem Floyd-typischen Rig, bestehend aus Fender-Instrumenten, Hiwatt-Verstärkern und sogar einem original Binson Echorec (die man auch auf der Bühne von Nicks Saucers sehen kann), sowie dem phänomenalen Surround-Sound der aus Boxen, die in den Oberrängen eines jeden Sektors des 55.000 Zuschauer fassenden Stadions hängen, sowie an 2 Gerüsttürmen, ist die Floyd-Atmosphäre wirklich nahezu perfekt.

Besonders genutzt wird dies bei dem theatralische Element im Mittelteil von Money: Die Band verstummt abrupt. Man hört sich bis zum Dauerton verdichtenendes Piepen zu Registrierkassen, dann Whiteout zu einer lauten Atombombenexplosion, dann sieht man den Atompilz auf der Leinwand aufsteigen. Ich habe (Gott sein Dank) noch nichts erlebt, was dem so nahe kam, wie diese Simulation in der Arena, danach geht man bewusst legére zum Money-Sax-Solo über, als sei nicht passiert.  

Während der Pause erscheint dann die Liste der als Neo-faschistischen bezeichneten Politiker, darunter, am Ende, Jair Bolsonaro auf der Leinwand. Als habe man darauf gewartet reagiert das Volk mit Lärm und Ele-não Rufen. #Ele não (wörtlich: Er nicht!), muss man wissen, ist eine aktuelle Kampagne der linken Arbeiterpartei PT, gegen den rechten Gegner Bolsonaro. Nach dem ersten Wahlgang ist Brasilien nun völlig gespalten, man kann in der Stichwahl nun nur noch radikal rechts, oder ziemlich radikal links wählen, die Mitte ist raus. Genau diesen Wahlslogan am Ende von Pigs und dann bei Brain Damage auf die große Leinwand zu bringen versetzt die Menschen im Stadion entweder in Euphorie, oder aber in Wut. Ich habe mich gefragt, in wie weit das vorher geplant, oder aber spontan aufgegriffen wurde, und, ob Waters keinen politischen Berater hat. Am ersten Tag entsteht eine emotionell hochgeladene Stimmung am Ende von Brain Damage/ Eclipse, die ihn vor Lärm (eine Mischung aus Buhrufen und Zustimmung) minutenlang nicht zu Wort kommen lässt. Er schien leider nicht genau zu wissen, was los war, und am 2. Tag hat er sich das dann wohl verkniffen.   Entladen tut sich das ganze nun seit drei Tagen in den Medien, u.a. auf Roger Waters Facebookseite in ca. 2/3 Zustimmung und 1/3 Ablehnung. Die Kluft zwischen den Menschen ist dadurch nicht kleiner geworden, Roger, die Liebesbotschaft von Us & Them eher nicht angekommen, fürchte ich. Aber, wie ein guter, brasilianischer Journalist schrieb: ‘Wer Roger Waters dafür ausbuht, Bolsonaro zu kritisieren, der hat Pink Floyd nicht verstanden.’

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Jess and Holly get to see the stage from the other side.

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Konzert-Statistik

Tournee: Us+Them 2018
Spielstätte: Allianz Parque
Plätze: 45.500
Adresse: Av. Francisco Matarazzo, 1705 – Água Branca, São Paulo
Ticketpreise:
Einlass: 18 Uhr | Beginn: 21 Uhr

Band:

Roger Waters: Vocals, Bass, Guitars
Joey Waronker: Drums, Percussion
Jonathan Wilson: Guitars, Bass, Vocals
Gus Seyffert: Guitar, Bass, Keyboards, Backing Vocals
Dave Kilminster: Guitars, Bass, Talkbox, Backing Vocals
Bo Koster: Hammond-Orgel, Piano, Keyboards
Jess Wolfe: Vocals, Percussion
Holly Laessig: Vocals, Percussion
Ian Ritchie: Saxophon, Bass
Jon Carin: Keyboards, Guitars, Backing Vocals

Setlist:

SET 1:SET 2:
01. Speak to me (Intro Tape)15. Dogs
02. Breathe16. Pigs (Three Different Ones)
03. One of These Days17. Money
04. Time18. Us and Them
05. Breathe (Reprise)19. Smell the Roses
06. The Great Gig in the Sky20. Brain Damage
07. Welcome to the Machine21. Eclipse
08. Déjà VuZUGABEN:
09. The Last Refugee22. Mother
10. Picture That23. Comfortably Numb
11. Wish You Were Here
12. The Happiest Days of Our Lives
13. Another Brick in the Wall (Part 2)
14. Another Brick in the Wall (Part 3)

21 Antworten

  1. Marcus sagt:

    In seinem Tour-Blog schreibt Ian Ritchie unter anderem folgendes: „Roger mentioned to me some theatrical ideas he has had for the ‚Money‘ solo. We will try these out in the coming days. I will say no more as yet. There was a soundcheck and rehearsal of some new songs Roger wants to try“! Bin gespannt was Roger sich in seinem Urlaub schönes für die Open Air Shows ausgedacht hat und ob es auch außerhalb des Zugabe Blocks einige Änderungen und Varianten bei den Songs gibt.

    • Dirk K. sagt:

      Sollte er wirklich die Setlist stark verändern, dann wird er das doch nicht nur für Südamerika tun…!?! Er spürt sicherlich, dass er mit einer identischen Show/Setlist in 2019 in Europa keine Stadien füllen würde…

  2. Murph sagt:

    Die eine oder andere Nummer von KAOS waere ja schoen.
    Und bin auch neugierig, ob und wie er auf den kommenden brasilianischen Trump eingehen wird.

  3. AE sagt:

    Grosse Änderungen würden mich doch sehr überraschen. Vielleicht noch was von ATD oder der ITTLWRW-Teil wird noch etwas ausgebaut. Ich könnte jedenfalls dafür auf einige der „Hits“ verzichten. Oder Roger will zeigen wer den Gong eben schon immer am besten beherrscht hat. Hauptsache er kommt nächsten Sommer wirklich nochmals nach Europa…

  4. Joerg Spangenberg 4D sagt:

    Hallo zusammen, hallo Werner!
    Ich werde hingehen heute abend! Bin sehr gespannt was sich Roger im Urlaub ausgedacht hat, werde gern berichten!

    • GeckoFloyd GeckoFloyd sagt:

      Supercool! Ich bin gespannt auf Deinen Bericht!

    • Marcus sagt:

      Schön, direkt Eindrücke direkt von vor Ort aus Südamerika zu bekommen! Bin gespannt.. Auch wenn das Set gestern keine Änderungen zu den anderen Kontinenten hatte, zumindest gestern wurde laut den offiziellen Seiten von Sean Evans und Ian Ritchie das Schwein von den Zuschauern zerlegt und Ian Ritchie hat irgendeinen veränderten Part bei Money und Us and Them eingenommen. Ob visuell oder musikalisch mit einem Solo oder was auch immer, keine Ahnung. Morgen wissen wir von Dir hoffentlich mehr, was sich so alles verändert hat. Die Stimmung bei der Kulisse muss auf jeden Fall gigantisch sein. Wünsche nachher viel Spaß!

  5. Werner Werner sagt:

    Danke Jörg!!
    Es dürfte zu durchaus heftigen Reaktionen im Publikum gekommen sein, als Roger Waters den Wahlsieger Jair Bolsonaro und den Rechtsruck in Brasilien thematisierte! Am zweiten Abend sah er sich gezwungen darauf in seiner Rede näher einzugehen!
    The Guardian: Roger Waters divides crowd with anti-Bolsonaro comments at Brazil concert

  6. Olaf D sagt:

    Hey Christian … na gut, wenn mein Hinweis schon ein Anplauzen war … aber egal.
    Ich finde deinen Gedankengang wirklich strange. Die Unterscheidung zwischen Rassismus und Faschismus mag in akademischen Betrachtungen richtig und sinnvoll sein. Angesichts der politischen Entwicklungen weltweit und der Gefährlichkeit solcher Personen, gerade wenn sie politische Macht erlangen, ist mir das dann aber doch etwas zu viel an Feinsinnigkeit. Aber zu deiner ursprünglichen Nachricht: führt man sich das bestimmende Thema der Us+Them Tour vor Augen, halte ich es für abwegig Waters dafür zu kritisieren, dass er die brandaktuellen Entwicklungen in Brasilien aufgreift und in seine Südamerika-Shows einbaut. Ich bitte um Verzeihung dafür, dass ich mich geradeheraus ausdrücke, aber es ist daneben, das Aufzeigen von Gefahren für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte als Beliebigkeit in eine Reihe mit Hundesteuern oder anderen „plakativen Beispielen“ zu setzen. Ein Studium der Texte von Pink Floyd/Roger Waters gibt dazu weitere Einblicke.

  7. Johannson sagt:

    […]Die Unterscheidung zwischen Rassismus und Faschismus mag in akademischen Betrachtungen richtig und sinnvoll sein. […]
    Der Rassismus ist ein Merkmal vom Faschismus.
    Wenn es stimmt was in den Zeitungen über diesen HERREN geschrieben wird, dann läuft Brasilien gerade in ganz großen Schritten auf eine Militärjunta zu.

  8. Oskar Oskar sagt:

    Zum Begriff Rassismus: Korrekter wäre „Ethnozentrismus“, da es nur eine menschliche DNA gibt. Folglich gibt es nicht verschiedene Rassen, wie z.B. bei Hunden. Wie auch immer, ist dieser Begriff Bestandteil jahrzehntelanger Stereotypen-, bzw. Vorurteilsforschung und anerkannt als Sozialpsychologisches Phänomen, das mit Wahrnehmung einer Bedrohung und mit Selbstwert (Sozialer Identität) zu tun hat. Gibt es Tausende von wissenschaftlichen Belegen dafür.
    Faschismus: Tja, dies ist hingegen eine Regierungsform, die der des Nationalsozialismus sehr ähnelt (Faschismus kommt von Fasci=Bündel). Alle Mitglieder meiner Ethnie werden versorgt, alle „Fremdkörper“ werden entsorgt.
    Es gibt somit durchaus einen Zusammenhang zwischen Rassismus und Faschismus, da der Faschismus Rassismus (oder eben Ethnozentrismus) benutzt um seine Identität zu stärken….
    Aber in echt, wollen wir nicht lieber über Musik reden?

    • Olaf D sagt:

      Die Ausgangsnachricht ist inzwischen gelöscht, daher hängt das Ganze hier nun etwas unverständlich für Andere in der Luft. Ich habe einen Moment überlegt, ob ich zu besagter Ausgangsnachricht etwas schreibe, da es sich hier um Werners Fanseite zu Pink Floyd handelt, die uns Freude bringen soll. Andererseits wollte ich eine in meinen Augen unangemessene Trivialisierung der Thematik der Us+Them Tour und des aktuellen Beispiels Brasilien nicht unwidersprochen lassen.
      Dein letzter Satz, Oskar:“…wollen wir nicht lieber über Musik reden?“ Ja! Nur: wie kann man das gerade bei Roger Waters und seiner aktuellen Tour tun, ohne auch über ihren Inhalt zu reden?

      • Werner Werner sagt:

        Danke für deine Antworten. Meiner Meinung nach hängen die nicht in der Luft sondern stehen für sich. Ich habe überlegt den Hundesteuer Gedankengang zu belassen aber ich fand ihn so wie du zu „strange“!

  9. Oliver sagt:

    Interessanterweise hält sich Roger gerade im selben Hotel auf wie Nick Cave, wie die brasilianische Plattform globo.com berichtet. Cave spielt am Sonntag in Sao Paulo. Globo interviewte ihn zu Musik und Politik. Wenn ich das richtig verstanden habe (leider spreche ich kein portugisisch) antwortete Cave auf die Frage, ob er glaube, dass seine Musik die Welt verbessere, sinngemäß: Das überlasse ich Roger Waters. Der stand währenddessen wohl nur einige Meter entfernt.

  10. Jörg 4D sagt:

    @ Oliver: Danke für den Hinweis! Habe gerade Roger vorm Fazano „Hi“ gesagt, und er hat zurückgegrüsst! Ein anderer Fan wartete vergeblich auf den ehemaligen Paulista Nick Cave…

    @all: Am Ende noch eine Richtigstellung zum „#Ele não“, es handelt sich wohl NICHT um eine offizielle Campagne der PT-Partei, wie ich schrieb, sondern eher um eine Kampagne von Unbekannten auf facebook.

  11. Johannson sagt:

    Vielen Dank Jörg für Deine Schilderungen und Deine interessante Interpretation (P. Sloterdijk).

  12. Marcus sagt:

    Änderungen bei Ian Ritchie und seinem Solo bei Money: „The big news for me is that I will be performing the ‚Money‘ solo from the top of the screen. A suitable staircase has been built and I will get to test it out in daylight before committing to using it that evening. I find it quite solid and no problem getting up one handed ( sax in the other ). During the soundcheck I played from the top then sprinted down for the start of ‚Us And Them“ Respekt, dass die Lunge dann noch genug Luft für die US and Them Parts hat. Ich hätte vermutlich nach dem Treppenaufstieg schon keine Luft mehr für das Money Solo. Mal davon abgesehen, dass ich gar kein Saxophon beherrsche 😉

  13. AE sagt:

    Sieht nicht wirklich danach aus dass noch „new tunes“ gespielt werden. Das ist nach dem Teaser von Ian Ritchie etwas enttäuschend. Europatermine im nächsten Sommer werden auch nicht wahrscheinlicher…

  14. Hanno sagt:

    Ist nicht auch der Abstand einfach zu kurz? Warum sollte der Otto Normal Konzertgänger nach den vielen Shows 2018 ein Jahr später noch teurere Outdoor-Tickets kaufen? Vielleicht geht er 2019 nochmal nach Nordamerika und 2020 dann nochmal nach Europa.
    Werner weiß es bestimmt schon, darf es uns aber leider noch nicht sagen…;)

    • jan sagt:

      Sehe ich ähnlich wie du, Hanno. Waters hat ja in diesem Jahr nun wirklich ausgiebig jeden Winkel des Kontinents bespielt und der Markt dürfte damit erstmal gesättigt sein. Außerdem müssten Tickets für Sommer 2019 langsam mal in den Verkauf gehen. Ich denke, dass die Tour im Dezember ihr Ende findet und könnte mir auch vorstellen, dass Waters irgendwie auch froh drüber ist und sich so langsam in den Ruhestand zurückzieht. Ähnlich wie bei Gilmour rechne ich nicht mehr mit ausgiebigen Konzertreisen, sondern sehe höchstens einzelne Gigs, Gastauftritte oder ähnliches. Mal schauen…

  15. Peter sagt:

    Roger Waters, 17.10.2018, Salvador: Two suns in the Sunset!!! Lg Peter

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