Nick Mason’s Saucerful of Secrets – oder: Punk Floyd

Nick Mason 23.5.2018 London The Half Moon

23.5.2018 London The Half Moon,  Bericht und Fotos von Christian Kaserer

Dass ich ein Ticket für einen der bisher wenigen Auftritte von Nick Mason ergattern konnte, war reiner Zufall: Ich fand mich gerade nach einem Termin daheim, als ich auf Facebook eine entsprechende Ankündigung auf der Seite von Nick las, welche ich zunächst für einen Witz hielt. Auftreten? Nick Mason? Und dann noch mit den frühen Songs? Unwahrscheinlich! Da dort jedoch auch gelistete Preise aufschienen, wurde es immer wahrscheinlicher und nach einigen heißen Sekunden wo ich versucht zu klären, ob denn meine Freundin Zeit hätte, was sie dann negierte, erwarb ich für mich selbst ein entsprechendes Ticket. Das günstige Ticket für den 23. Mai im Half Moon war dann naturgemäß mit einem entsprechenden Mehrwert verbunden: Wie komme ich von Wien nach London? Wo bleibe ich dort? Öffis? Lebensmittel? Uff, das konnte teuer werden.

Als hätte ich es jedoch nicht bereits geahnt, verkam London zu einem meiner berüchtigten 24-Stunden-Städte-Trips. Die Stadt erreichte ich über einen günstigen Flug in Gatwick am 23. zur Mittagsstunde und nach meiner Ankunft mit dem Zug an der Station Clapham Junction, versuchte ich die Stadt zu Fuß zu erkunden: Von Clapham zur Battersea-Station, von dort zu den Abbey Road Studios um dann letztlich beim Half Moon anzukommen. Summarisch lässt sich das so sagen: Über 41.000 Schritte und 29 Kilometer.

Nick Mason The Half Moon

Mason im The Half Moon

Obschon ich mich nahezu zwei Stunden zu früh am Half Moon einfand, erblickte ich dort bereits in den Innenräumlichkeiten vor dem Einlass eine Schlange. Geschätzt 20 bis 25 Menschen warteten mit mir in diesem eher kleinen nach Fisch und Urin riechendem Lokal. Auf der Toilette übrigens, die das noch toppte, konnte man die Band proben hören, wodurch man schon nahezu geneigt war, länger dort zu verweilen. Mit der Zeit kamen immer mehr Menschen und man sah sich genötigt, unsere Tickets zu prüfen und nach erfolgreichem Check die Wartenden mit einem Stempel sowie einem Armband zu versehen. Die Ungeduld stieg freilich ins unermessliche und immer mehr Menschen drängten gegen acht Uhr dann in das Half Moon und stellte sich auch gerne vor, weshalb man dann umso erleichterter war, als man auf 20.00 Uhr tatsächlich hinein durfte. Welch Überraschung dort: Ein winziger Raum in welchen tatsächlich bestenfalls 250 Menschen passten, mit einer Bühne ohne Absperrung und gleich daneben befindlichen Mischpults. Zur Bühne hingedrängt hatten nicht alle, die vor mir hineinströmten, weshalb mir das Glück zukam, sozusagen in dritter Reihe (also etwa 1 Meter) hinter dem Bühnenrand zu stehen. Ärgerlich für mich mit 1,77m und die kleineren Leute übrigens, dass in der ersten Reihe nahezu nur hochgewachsene Männer mit 1,90m und mehr standen, welche sich beharrlich weigerten die Sicht freizugeben. Nach intensivstem Gedränge erhaschte ich dann doch noch einen Blick auf die Bühne direkt auf Nicks Drumkits.

Gegen 20.30 betrat ein an einen alten Hippie erinnernder Mann die Bühne und überprüfte sämtliche Instrumente, während eine Soundscape für 30 Minuten eingespielt wurde, welche an die Experimente auf Ummagumma erinnerte, jedoch mit einem für Techno klischeehaften Hall unterlegt war. Nach insgesamt drei Stunden schmerzhaftem Stehens war es um neun dann soweit: Guy, Nick, Gary, Lee und Dom betraten die Bühne. Wie schon in etlichen Berichten zuvor zu lesen war, dominierte Guy Pratt diesen Auftritt.

Zum Konzert selbst ist zu sagen: Bisher war eigentlich ein Auftritt Herbie Hancocks mein am höchsten geschätztes Konzert, da er Solo auf der Bühne stand und sich seine Kollegen mit iPads kreierte, was trotzdem eine erstaunliche Improvisation ermöglicht hatte. Nicks Auftritt indes verdrängt Herbie Hancock vom ersten Platz meiner Konzerterlebnisse! Selten habe ich die alten Pink Floyd Songs mit solch einer Energie, solch einer Kraft und Modernität gehört. Die Lieder erinnerten, was Guy auch betonte, stark an Songs aus der Punk-Ära, was mir nun auch verständlicher macht, weshalb Syd für viele Punks ein Vorbild, wenn man so will, war. Insbesonders Guy und Lee schienen den Auftritt zu genießen und stachelten sich zu immer neuen Faxen an. Nick selbst schien zumindest Anfangs eher pessimistisch gestimmt und deutlich unsicher: Drehte sich Guy zu ihm, so grinste er ihn an nur um das Grinsen sofort in eine mürrisch anmutende Miene zu verziehen, alsbald Guy sich wieder mit dem Rücken zu Nick bewegte. Überhaupt schien Nick sehr konzentriert und angestrengt, beobachtete immer wieder die Bewegungen Guys um darauf sein Spiel abzustimmen und ließ sich auch mehrfach bestätigen, dass der Takt eh noch passen würde. Verspielt hatte er sich auch einige Male leicht, sowie zum Schluss bei Point me at the Sky zu früh eingesetzt. Mehrfach verzog Nick auch, einen zweifelnden Blick aufsetzen und den Kopf leicht schüttelnd, sein Gesicht um seine Zweifel nach dem Ende der Lieder auszudrücken. Was ihm da nicht passte, scheint mit unverständlich. Erst mit Voranschreiten des Konzert erleichterte sich die Stimmung ein wenig und man sah, dass beim Spiel nicht nur Anstrengung, sondern auch Freude bei unserem liebsten Drummer aufkam. Ans Mikro trat Nick drei Mal, wobei man sagen muss, dass er sichtlich nervös wirkte und beim Sprechen leicht nervös wackelte. Er erklärte, er habe von David und Roger für sein Projekt die höchste Zustimmung erhalten und sie würden ihn sogar anspornen, was für ihn – typisch Nick’scher Witz – eine enorme Beleidigung wäre. Die gelegentlichen Zwischenrufe eines offenbar schon deutlich angetrunkenen Zusehers, welcher unbedingt in Kontakt mit Nick und Guy treten wollte, goutierte Guy mit lauten „Shut Up!“-Rufen, was bei allen zu herzhaftem Gelächter führte. Erwähnenswert übrigens die Aussage Guys, er habe den Nile Song schon 2006 bei der Tour von David vorgeschlagen, woraufhin jener wiederrum vorschlug, Guy möge in einer anderen Band spielen (I suggested the Nile Song 2006 for Davids tour and David suggested, perharps I wanna play in another band).“

Nach guten eineinhalb Stunden endete die psychedelischen Lichter, welche die Frontmänner bestrahlt hatten sowie hinter Nick platziert waren um die Decke zu beleuchten, es ging normale Musik an und das Konzert war dann eben nach dieser ersten Zugabe, von der öfter zu lesen ist, vorbei. Ich selbst ging dann fast eine Stunde zum Bahnhof und fuhr mit dem letzten Zug zum Flughafen, wo ich bis nach sechs in der Frühe auf meinen Flug nach Wien harrte.

Was bleibt ist ein beeindruckendes, gelungenes Konzert das jenes Gefühl zu vermitteln weißt, welches man beim Ansehen der frühen Floyd-Auftritte nur vermuten kann.

Wenn sich denn überhaupt ein Kritikpunkt finden ließe, dann dass mir persönlich die Punk-Variante von Bike weniger gefiel und Set the Controls for the Heart of the Sun ein wenig zu verwaschen war. Das ist jedoch Jammern auf höchstem Niveau und ich muss sagen: Wenn Nick sich aufrafft weiter aufzutreten, wovon ich stark ausgehe, besuche ich ihn gewiss noch mehrfach!

Statistik:

Spielstätte: The Half Moon
Plätze: 220
Adresse: 93 Lower Richmond Road, Putney, London
Ticketpreise: € 40
Beginn: 21:00 Uhr | Einlass: 19:00 Uhr

Band:

Nick Mason: Drums, Percussion
Gary Kemp: Gitarre, Vocals
Guy Pratt: Bass, Vocals
Lee Harris: Gitarre
Dom Beken: Keyboards

Setlist:

Set 1:
01. Intro 29:37
02. Interstellar Overdrive 6:57
03. Astronomy Domine 4.54
04. Lucifer Sam 3:25
05. Bandvorstellung
06. Fearless 5:40
07. Obscured By Clouds
08. When You’re In
09. Arnold Layne 3:28
10. The Nile Song 4:32
11. Green Is The Colour 4.40
12. Let There Be More Light
13. Set The Controls For The Heart Of The Sun 10:16
14. See Emily Play 3:24
15. Bike 3:00
16. One Of These Days 7:54
Zugaben:
17. A Saucerful Of Secrets (Celestial Voices) 7:36
18. Point Me At The Sky 3:50

Danke Christian!!

13 Antworten

  1. Heinz Kissel sagt:

    Toller Bericht, danke, hoffe ich darf das auch erleben

  2. Thomas sagt:

    Super Bericht, danke. Hab mir seit gestern den Gig vom 21. Mai mehrfach reingezogen. Bester Psychedelic Sound, ohne angestaubt zu wirken. Übrigens: „The Doc“ von floydpodcast.com hat angekündigt, einer seiner nächsten Podcasts werde mit einem Nick Mason Gig sein.

    • Werner Werner sagt:

      Jörg, du „musst“ dich wohl oder übel auf die Reise machen! Ich hoffe auf weitere Shows 2019 mit einem gaaaanz besonderes magischen Abschlussfest! 🙂

  3. Johannson sagt:

    Schöner Bericht, nebst Fotos. Danke!

  4. Mike sagt:

    @ Werner:

    danke für den schönen Bericht.

    @ Thomas:

    Oben hast Du geschrieben:
    „Hab mir … den Gig vom 21. Mai … reingezogen.“

    Wo kann man sich diesen Gig („Half Moon“, London) anschauen/-hören?

    Gruß

    Mike

    • Thomas sagt:

      Hallo Mike. Gib bei Google ein: guitar 101 nick mason saucerful
      LG Thomas

      • Mike sagt:

        @ Thomas:

        vielen Dank für Deinen obigen Google-Hinweis!

        @ all:

        Ich habe alles angehört. Toll.

        Auch wenn die Aufnahmequalität weitaus nicht an offizielle Live-Aufnahmen heran kommt, man erhält aber einen guten Eindruck vom Konzert.

        Großartig gefallen mir u. a. diese Songs:

        – Obscured By Clouds
        – When You’re In
        – Set The Controls For The Heart Of The Sun
        – A Saucerful Of Secrets

        Es bleibt zu hoffen, dass es von Masons Konzerten einen offiziellen Mitschnitt geben wird.

        Gruß

        Mike

        • Thomas sagt:

          @ Mike. Bitte sehr. Half Moon vom 23.5 und vom 24.5 sind ja mittlerweile auch verfügbar. Zumindest das vom 24.5 klingt deutlich besser als der 21.5. Den 23.5 hab ich mir noch nicht angehört. Und wie gesagt: Matt „The Doc“ hat angekündigt, auf floydpodcast.com einen seiner nächsten Podcasts mit Nick Mason zu bestreiten. Matt ist bekannt dafür, dass er den bestmöglichen Sound rausholt.

          • Mike sagt:

            @ Thomas:

            Danke auch für diesen Hinweis. !!!

            Ja, die Aufnahme der Show vom 24.05. klingt tatsächlich deutlich besser als die vom 21.05. !!!
            Den 23.05 werde ich wohl auch noch anhören.

            Und in „floydpodcast.com“ werde ich mal reinschauen.

            Gruß

            Mike

          • Mike sagt:

            Nun habe ich auch die Aufnahme vom 23.05. angehört;
            sie klingt ähnlich oder genauso gut wie die vom 24.05.!

            Die Aufnahme vom 21.05. kann, wie Thomas es erwähnt hat,
            mit den beiden anderen bei weitem nicht mithalten.

            Neben den oben von mir genannten 4 Liedern
            gefällt mir u. a. auch „The Nile Song“.

            Danke nochmals an Thomas.

            Gruß

            Mike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.