Ein Besuch der neuen Oper ’Another Brick In The Wall – L’Opéra’

Another Brick Opernpremiere

Ob in Sydney, Toronto oder San Francisco „The Wall“ Experte Martin Geyer hat, salopp ausgedrückt, Konzerte gesehen, die nicht unbedingt in der Nachbarschaft stattfanden. Deshalb war es für mich nicht so überraschend, dass Martin bei der ’Another Brick In The Wall’ Opernpremiere in Montreal aufgetaucht ist! Er hat das Werk aus nächster Nähe gesehen und unter die Lupe genommen.

Streng genommen ist der Versuch, aus dem Pink Floyd-Album ‘The Wall‘ eine Oper zu erstellen, in der Vergangenheit bereits mehrfach unternommen worden. So war zum Beispiel bereits eine Inszenierung mit dem Titel ‘The Wall – Die Rockoper‘ vor fast 18 Jahren – 1999 in München zu sehen.

Roger Waters hat sich jedoch schon immer mit dem Gedanken schwergetan, aus seinem Meisterwerk ‚The Wall‘ eine symphonische Version zu erstellen oder erstellen zu lassen. Auch anlässlich der jüngsten Aktivitäten war er zunächst äußerst kritisch, wie er in mehreren Interviews zum Besten gab. „Nach meiner Erfahrung sind Versuche Rock & Roll-Material in irgendetwas Sinfonisches oder in Opern zu verwandeln, eine komplette Katastrophe – immer!“, sagte er zum Beispiel am 10. März 2017 in einem Interview mit dem amerikanischen Magazin ‚Rolling Stone‚ – also noch kurz vor der Premiere von ‚Another Brick In The Wall – The Opera‘ in Montréal. [Das Interview: Roger Waters on ‚Interesting, Moving‘ ‚The Wall‘ Opera wurde am 14. März 2017 veröffentlicht.] In Bezug auf das neue Werk trifft dies so jedoch wohl nicht zu.

Der Komponist Julien Bilodeau hat die Musik nahezu vollständig neu geschrieben. Es gibt nur einige wenige musikalische Reminiszenzen zum Original. Lediglich die Story und der Text wurden übernommen. Aber selbst hier gibt es einige Besonderheiten: So zum Beispiel, die Eröffnungssequenz, die Roger‘s berühmtes „Spuck-Attentat“ auf einen Fan bei einem ‚In The Flesh‘-Konzert im Olympiastadion von Montréal im Jahr 1977 nachvollzieht. Insofern ist die Uraufführung der Oper in Montréal eine recht schöne Korrelation zwischen originalem Werk, musikalischer Neuinterpretation und historischem Ort des Geschehens.

Für Martin hat sich die Reise definitiv gelohnt!

Aber ich greife der Beschreibung meiner Eindrücke zum neuen Werk ein wenig vor und beginne lieber mit der Bekanntgabe der Pläne: Fast genau vor einem Jahr konnte man in der internationalen Presse erste Informationen zum geplanten Werk erhalten. Die Vorbereitungen und erste Absprachen zwischen Komponist und Roger Waters für diese neue Oper müssen bereits 2015 begonnen haben. Eine erste Information hierzu erreichte die Öffentlichkeit jedoch erst mit der Bekanntgabe des Programms der ‘Opera de Montréal‘ für die Saison 2016 – 2017, welche Anfang März 2016 erfolgte. Das neue Programm konzentrierte sich auf die fünf Werke ‘Aida‘, ‘Don Giovanni‘, ‘Dialogues des Carmélites‘, ‚La Bohème‘ und ‘Another Brick In The Wall – The Opera‘. Das entsprechende Programmheft enthielt zu allen Werken weitergehende Informationen.

Am Donnerstag, dem 03. März 2016 wurde schließlich eine Pressekonferenz im Olympiastadion von Montréal abgehalten, bei der das neue Projekt der Öffentlichkeit offiziell vorgestellt wurde. Roger Waters war ebenfalls vor Ort, den man wohl bewusst aufgrund des bereits oben beschriebenen Vorfalls ausgesucht hatte. Neben Waters, der das Libretto beisteuerte, waren auch Michel Beaulac, der künstlerische Direktor der ‘Opera de Montréal’, Julien Bilodeau, der Komponist der neuen Oper und Dirigent Alain Trudel anwesend.

Man konnte sich als Interessierter für einen Newsletter eintragen lassen und auch bereits auf ein gewisses Kartenkontingent vor dem offiziellen Vorverkaufsstart für die Saison 2016 – 2017 zugreifen. Der Pre-Sale fand zwischen dem 03. und dem 20. März 2016 statt. Die Pressekonferenz führte anschließend zu einem großen Medienecho in den nationalen Medien, aber auch in internationalen Musikzeitschriften und deren Internetpräsenzen. Da ich an dieser Neuinterpretation sehr interessiert war, bestellte ich mir ein Ticket für die Aufführung am 22. März 2017.

Fast ein Jahr später hatte ich dann endlich die Gelegenheit, mir eine von lediglich zehn Opernaufführungen von ‚Another Brick In The Wall – The Opera‘ anzusehen. „Zehn Aufführungen“, das hört sich zunächst sehr bescheiden an, man muss jedoch bedenken, dass es in der Regel von jedem geplanten Stück nur sieben Aufführungen in der ‚Opéra de Montréal‘ gibt, da während einer Saison mindesten vier unterschiedliche Opern aufgeführt werden. Wie bereits erwähnt, waren auch von ‚Another Brick In The Wall – The Opera‘ zunächst lediglich sieben Aufführungen geplant. Nur durch die unverhältnismäßig hohe Nachfrage nach Tickets wurden drei Zusatztermine anberaumt.

Laut Aufdruck auf der Eintrittskarte sollte die Aufführung um 19:30 Uhr beginnen, der Einlass war eine Stunde früher, für 18:30 Uhr geplant. Daher machte ich mich gegen 18:20 Uhr auf den Weg von meinem zentral gelegenen Hotel zum ‚Place de Arts‘. Im Eingangsbereich der Oper hatten die Verantwortlichen eine etwa 2,1-Meter hohe und etwa 18 Meter breite, dunkel rote Mauer errichtet, auf der der Titel der Oper in großen goldfarbenen Lettern zu lesen war. In der Mitte der Mauer gab es ein etwa vier Meter breites Tor, welches erst wenige Stunden vor einer Vorführung geöffnet wurde – symbolisch war hier also das Publikum und die Bühne bereits durch eine Mauer getrennt. Das Ganze war natürlich nur Kulisse – man war nicht gezwungen durch das Tor zu gehen und hätte auch einfach um die Mauer herum spazieren können – trotzdem, wie ich finde, eine sehr nette Idee! Um die Oper zu betreten, gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Oberirdisch direkt durch den Haupteingang oder unterirdisch über den öffentlichen Zugang zum ‚Place de Arts‘, der über einen großzügigen Eingangsbereich verfügt und über den man unter anderem auch die Metro von Montréal erreichen kann. Aufgrund von Umbauarbeiten des oberirdischen Platzes vor der Oper, hatte man sich wohl dafür entschieden, lediglich den unterirdischen Zugang zu ermöglichen. Der Vorteil war, dass die hier errichtete, beachtlich große, rote Mauer sehr präsent zur Geltung kam, wettergeschützt war, und für diese Aufführung über Wochen zusätzliche Werbung machen konnte, bei all Jenen, die täglich die Metro oder die dort ebenfalls befindlichen Cafés oder Geschäfte nutzten – ob es nun Einheimische oder Touristen waren.

Auf vielen  Monitoren im gesamten Komplex  wurden Plakate und  Animationen für ‘Another Brick In The Wall – The Opera‘ im Wechsel mit den noch bevorstehenden anderen Aufführungen in 2017 gezeigt. In den ebenfalls überall zugänglichen Prospektständern der Oper fand sich jedoch nur Material für die anderen Aufführungen oder das Programm 2018. Hatten sich etwa Pink Floyd-Fans bereits alle Materialien zu ‘Another Brick In The Wall – The Opera‘ gesichert und es war nichts mehr übrig?

Ich kam pünktlich um kurz nach 18:30 Uhr durch das Tor in der Mauer in den Eingangsbereich der Oper, an dessen Glastüre die Tickets von zwei freundlichen Damen per Scanner überprüft wurden. Gleich dahinter konnte man über zwei großzügige Treppenaufgänge in die Galerie gelangen. Dort waren neben der großen Garderobe auch zwei besondere Stände aufgebaut: An einer Art „Bar“ wurde ein spezieller Cocktail mit dem Namen ‚Pink‘ angeboten (der aus meiner Sicht aber eher die Farbe Orange hatte), an der gegenüberliegenden Seite konnte man Merchandising Artikel zur neuen Oper erwerben: Es gab drei unterschiedliche T-Shirts mit Motiven wie ‚Mauer‘, ‚Plane‘ und ‚Graves‘ – zum Preis von jeweils 35,00$ CA; vier sogenannte ‚Silkscreen Prints‘ – hochwertige und auf jeweils 150 Exemplare limitierte und nummerierte Exemplare von Drucken mit den vier offiziellen Plakatmotiven ‚Megaphone‘, ‚Graves‘, ‚Camera‘ und ‚Pills‘ – zum Preis von jeweils 45,00$ CA; zwei reguläre Poster mit den Motiven ‚Graves‘ und ‚Megaphone‘ – zum Preis von jeweils 15,00$ CA; sowie vier, etwa 4cm im Durchmesser große, Ansteckbuttons mit den zuvor schon aufgezählten Hauptmotiven der limitierten Drucke, zum Preis von jeweils 5,00$ CA. Bezüglich des Währungskurses bleibt zu erwähnen, dass dieser aktuell bei etwa 1,44$ CA pro Euro notiert, dass heißt, dass z. B. ein hochwertiger, limitierter Druck für umgerechnet etwa 31,25 Euro verkauft wurde.

Übrigens, wer sich den offiziellen „Opern“-Cocktail ‚Pink‘ selbst mixen möchte, er besteht – laut Webseite – aus: 1 oz Gin, 1/2 oz St-Germain, San Pellegrino, Blutorange und Eis und wurde in einem einfachen hohen Glas mit Strohhalm und einer halben Blutorangenscheibe am Rand serviert. Ich habe auf dieses Vergnügen verzichtet.

Der – laut Programmheft – 2.911 Sitzplätze fassende Hauptsaal der Oper, mit dem Namen ‚Salle Wilfrid-Pelletier‘, wurde etwa gegen 19:10 Uhr geöffnet. Am Eingang wurden kostenlose Programmhefte zur bevorstehenden Aufführung verteilt, in dem sich unter anderem auch ein Vorwort von Roger Waters befindet. Er schreibt:

„Als ich 1977 ‚einen Fan anspuckte‘ oder als ich 1979 ‚The Wall‘ schrieb, konnte ich nicht wissen, dass Mauern im 21. Jahrhundert eine solch profunden Bedeutung erlangen würden. Für ‚The Wall‘ ist es eine unerwartete Ehre, Teil der Feierlichkeiten zum 375. Geburtstag von Montréal zu sein und dort als Oper neu geboren zu werden. Teil einer kulturellen Brücke zu sein, errichtet aus Musik und Ideen, fühlt sich absolut richtig an. Es gibt kein ‚Wir und die Anderen‘ (Us + Them), wir sind alle eine Familie, wir sind alle Menschen. Wir sollten uns Mauern entgegenstellen und Brücken bauen; das ist unser menschliches Recht und auch unsere Pflicht. Herzlichen Glückwunsch, Montréal.“

Neben dem Grußwort von Waters, waren auch Grußworte des Bürgermeisters von Montréal, Denis Coderre; des kanadischen Ministers für „kommunale Angelegenheiten und Landnutzung, für öffentliche Sicherheit und für die Region von Montréal“ Martin Coiteux, dem Generaldirektor der ‚Opéra de Montréal‘ Pierre Dufour, dem Regisseur Dominic Champagne und dem Komponisten Julien Bilodeau enthalten.

Ich ging in den Konzertsaal und versuchte meinen Platz zu finden. Generell war die Nummerierung der Plätze – wie ich finde – etwas ungewöhnlich: Von der Bühne aus gesehen, waren die Sitzplätze mit geraden Nummern in der linken Hälfte verortet, die ungeraden Platznummern befanden sich rechts – mit jeweils den niedrigen Nummern in der Mitte, etwa so: 10-08-06-04-02-01-03-05-07-09. Ich nahm meinen Platz 6 in Reihe L ein (Reihe A war die erste Reihe vor dem Orchestergraben), saß damit etwa mittig in einem angenehmen Abstand zum Geschehen und sah auf eine mit einem stilvollen, schweren, klassisch roten Vorhang verhüllte Bühne. Oberhalb der Bühne war eine längliche, balkenartige Leinwand angebracht, auf der später die Texte in französischer Sprache auf der linken, und in englischer Sprache auf der rechten Seite zu lesen sein würden. Neben der Bühne waren links und rechts großformatige Flatscreens aufgehängt. Dort wurden kleine Einspieler der auftretenden Sängerinnen und Sänger gezeigt, freundlich in die Kamera lächelnd, wie diese in der Maske auf ihren jeweiligen Auftritt vorbereitet werden. Live war das natürlich nicht und es wiederholte sich in einer Schleife.

Pünktlich um 19:30 Uhr begann die Aufführung mit dem Dimmen der Saalbeleuchtung und einer männlichen Stimme aus dem Off, die die Zuschauer in französischer und englischer Sprache freundlich bat, Mobiltelefone auszuschalten und darauf hinwies, das Foto- und Filmaufnahmen von der Aufführung nicht erlaubt sind. Das war keine Überraschung.

Der Vorhang hob sich ein paar Sekunden später und gab den Blick auf die aufgeräumte Bühne frei. Im Hintergrund befand sich ein riesiger, quadratischer LED-Screen, an den beiden Seiten jeweils zwei ähnlich große, kastenförmige, bewegliche Aufbauten mit weißer Oberfläche, die als Projektionsfläche für Hochleistungsbeamer dienten, wie man sie schon von den ‚The Wall Live‘-Konzerten von Roger Waters zwischen 2010 und 2013 her kannte.

Während der gesamten Aufführung sollten diese Elemente exzessiv genutzt werden. Ununterbrochen wurden hier grafische Animationen und hochklassige Filmaufnahmen aufgespielt, welche ein sehr vielfältiges, „lebendes“ – und teils realistisch-klares – Bühnenbild erzeugte. Keine Frage, optisch reihte sich ein Eyecatcher an den anderen an – sehr beeindruckend und technisch äußerst professionell und überzeugend gestaltet. Offensichtlich wurde bei der Produktion nicht gespart.

Auf der balkenartigen Leinwand oberhalb der Bühne war zu lesen: „… we came in?“ Die erste Szene, ‚In The Flesh?‘ begann mit einem Blick zurück ins Jahr 1977 – zum berühmten Pink Floyd-Konzert im Montrèaler Olypiastadium. Für die Opernbesucher sah es so aus, als ob sie sich hinter der Konzertbühne von Pink Floyd befinden würden, die Besucher des Pink Floyd-Konzertes aus dem Blickwinkel der Gruppe sehen könnten und von dort beobachten, wie Roger Waters im Verlauf des Geschehens schließlich die Nerven verliert und einen einzelnen Fan anspuckt: Überdeutlich und lang anhaltend mit einem großen Schluck Wasser vom Hauptdarsteller ausgeführt…

Während die Musik völlig neu war, wurden die Texte von ‚In The Flesh‘ übernommen. Ich muss zugeben, dass mich die neue Musik hier noch nicht in ihren Bann ziehen konnte. Da die vorhandenen Texte für das Libretto einer herkömmlichen Oper eigentlich nicht ausreichend waren, schien es mir so, als ob die Musik hierauf zu viel Rücksicht nehmen musste und daher die Melodien einem deutlich verlangsamten Rhythmus zu folgen hatten. Die Bewegungen der Darsteller nahmen darauf aus meiner Sicht zum Teil ebenfalls  Rücksicht und wurden in entscheidenen Stellen wie in Zeitlupe ausgeführt. Als Pink Floyd-Fan kennt man Melodie und Rhythmus des Originalwerks so gut, dass man sich an diese „neue Langsamkeit“ erst gewöhnen musste. Für mich kann ich sagen, dass diese Eingewöhnungszeit etwa 20 Minuten dauerte. Man muss sich darauf aber wirklich erst einlassen und darf sich innerlich nicht zu sehr dagegen wehren.

Der sehr deutliche Bezug auf das berühmte Pink Floyd-Konzert am Ende der ‚Animals‘-Tournee in Montréal gefiel mir sehr gut. Optisch wurde das zum Beispiel mit einem virtuellen ‚Mr Screen‘ unterstützt. Folgerichtig zum Blickwinkel der Opernbesucher, konnte man die vier Operndarsteller, die die Mitglieder der Band Pink Floyd verkörperten, nur von hinten betrachten. Nachdem Waters (oder ‚Pink‘) die Nerven verloren und den Fan angespuckt hatte, der sich für alle auffällig zur Pink-Floyd-Bühne vorgekämpft hatte, brach er – wie bei einem Nervenzusammenbruch – auf der Bühne zusammen und wurde auf einer fahrbaren Trage ins Krankenhaus gebracht – überdeutlich symbolisiert mit einer auf einem Gestell befindlichen OP-Leuchte und jeder Menge medizinischem Personal.

Die Trage blieb auf der linken Bühnenseite stehen, während sich das Set aufgrund der Projektionen in Sekundenbruchteilen zur „Weltkrieg II“-Umgebung verwandelte. Der Zuschauer erlebte auf diese Weise die Erinnerungen von ‚Pink‘ aus dessen Sicht während seiner Krankheitsphase: Es traten die Mutter, mit gewickeltem Baby-Pink im Arm, und der Soldatenvater auf. Alles sehr passend zu neuen Melodien von ‚The Thin Ice‘ und ‚Another Brick In The Wall, Part I‘ inszeniert. Die Projektionen waren absolut überzeugend. Eine neue Erfahrung bei diesen Songs neben der Mutter auch den Vater von Pink in Uniform zu erleben – eine weitere schöne Idee der Bühnenproduktion. Auf eine durchaus mögliche Integration des Songs ‚When The Tigers Broke Free‘ wurde verzichtet, aber den Planern war es trotzdem gelungen den Tod von Pink’s Vater auf dem Schlachtfeld von Anzio auch ohne diese musikalische Unterstützung zu realisieren. (Eigentlich schade, wie ich finde, da sich ‚When The Tigers Broke Fee‘ für einen Opernchor geradezu aufdrängen würde und eine ganz besondere Wirkung erzielen könnte…)

Es folgten die schulischen Erfahrungen von „Klein-Pink“, die in der Bühnendarstellung sehr stark an die filmische Umsetzung von Alan Parker erinnerte. So wurde sehr rasch und wenig störend ein Klassenraum aufgebaut, der rückwärtige Monitor wurde zur Schultafel auf dem der berühmte Satz „If you don’t eat your meat, you can’t have any pudding!“ auftauchte. Die wie von Geisterhand entstehenden Schreibereien auf der Tafel wurden im Laufe der Zeit immer wilder, bis es schließlich zum Moment der (eingebildeten) Schülerrevolution kam und die Kinder (wie im Spielfilm) ihre Unterlagen in die Luft warfen und den Klassenraum verwüsteten. Das dies nur in der Einbildung von „Klein-Pink“ geschah, wurde dadurch symbolisiert, dass er vor der Klasse im vorderen Bühnenbereich gedankenversunken in einem Sandkasten spielte, und dort Hügel aus Sand aufschichtete.

Roger Waters Oper Montreal

Another Brick in the Wall: L’Opéra‘

Noch immer hatte ich Probleme die neue Musik als Teil von ‚The Wall‘ zu akzeptieren. Sie war ausladend, getragen, wenig impulsiv. Aber die Stimmen der Darsteller waren klar verständlich und konnten von Anfang an absolut überzeugen und als dann wieder Pink’s Mutter auftauchte um den Song ‚Mother‘ zu interpretieren, hatte mich der Komponist plötzlich mit der neuen Version  dieses Liedes für sich eingenommen. Während auf der Bühne „Klein-Pink“ durch einen etwa achtjährigen Jungen dargestellt wurde, wurden die Texte weiterhin vom Haupdarsteller gesungen, der etwas abseits im Schatten der Bühne stand – wie ein Zuschauer, der seine eigenen Erinnerungen betrachtet. Die Mutter sang ihre eigenen Textpassagen und im Hintergrund tauchte auch eine Darstellerin auf, die wohl eine der Frauen symbolisieren sollte, vor denen Pink, in der Denkweise der Mutter, in Schutz genommen werden musste.

Leider ist es kaum möglich zu beschreiben, wie die sich ständig veränderten Projektionen das Bühnenbild kontinuierlich veränderten. Ich kann wirklich sagen, dass die Macher hier äußerst kreativ und hochprofessionell vorgegangen sind. Optisch ist die Oper auf jeden Fall ein Hochgenuss!

Es folgten die Szenen zu ‚Goodbye Blu Sky‘ und ‚What Shall We Do Now‘. Mit letztem Song war zudem erneut klar, dass sich die neue Oper eher an den Live-Konzerten von Pink Floyd / Roger Waters oder dem Spielfilm von 1982 orientierte. Bei ‚Young Lust‘ wurde darstellerisch sowohl Pink’s Beziehungen zu Groupies als auch die Beziehung seiner Frau zu einem anderen Mann nachvollzogen. Es schien, dass nun beide getrennte Wege gehen würden – ein weiterer emotionaler „Stein“ in Pink’s virtueller Gefühlsmauer.

Das Hotelzimmer wurde grandios visualisiert. Der hintere große LED-Sreen wurde bei ‚One Of My Turns‘ zum riesigen – aus mehreren Segmenten bestehenden – Hotelfenster, welches den Blick aus großer Höhe auf eine beeindruckende nächtliche Großstadtkulisse freigab. Bei seinem plötzlichen Wutausbruch zerstörte Pink auf der Bühne symbolisch das Hotelzimmer während das Groupie versuchte sich in Sicherheit zu bringen. Auch hier waren die Parallelen zum Spielfilm unverkennbar. Selbst die großen virtuellen Fenster des Hotels gehen in Zeitlupe zu Bruch und zerspringen in tausende Einzelteile.

Übrigens hat Roger Waters den Produzenten der Oper wohl erlaubt, die originalen Soundsequenzen des ‚The Wall‘ Albums zu nutzen: So ist hier z. B. das naive Geschwätz des Groupies am Anfang des Songs zu hören, welches sich von Einrichtung und Luxus des Hotelzimmers sichtlich beeindruckt zeigt.

Die neuen Melodien lassen sich naturgemäß schwerlich beschreiben. Der Bezug zu einer modernen Oper ist musikalisch nicht zu leugnen. Bisher tauchten kaum bekannte Bruchstücke oder Anleihen aus Waters‘ Werk auf – allerdings sollte sich das im zweiten Teil der Oper verändern.

Mit ‚Goodbye Cruel World‘ endete der erste Akt. Der Hauptdarsteller stand hier jedoch nicht – wie bei den Konzerten üblich – hinter der Mauer, sondern davor! Hier wurde demnach die Perspektive verändert: Die Besucher der Oper standen mit Pink gemeinsam hinter der Mauer, eine durchaus frische Betrachtungsweise.

Ich möchte vermuten, dass der überwiegende Teil der Zuschauer das Werk ‚The Wall‘ von Pink Floyd kannten und wussten, wo der erste Akt enden würde: Der Applaus kam unmittelbar nach dem letzten „Goodbye“. Sicherlich gab es auch viele Zuschauer mit Abonnement, die mit dem Originalwerk bisher nicht in Berührung gekommen waren, aber der sehr sichere Schlussapplaus läßt vermuten, dass die Zuschauer den Inhalt des Werkes überwiegend gut kannten und damit auch der Bühnenumsetzung problemlos folgen konnten.

Es folgte eine etwa 20-minütige Pause. Viele Zuschauer verließen den Saal um sich zu erfrischen – aber wie üblich blieben auch viele zurück, und warteten die Pause einfach ab. Da man in Montréal, und damit in der kanadischen Provinz Québec, vorwiegend Französisch spricht und ich die Sprache nicht beherrsche, konnte ich den ersten „Bewertungen“, die in der Pause zwischen den Zuschauern offensichtlich ausgetauscht wurden, kaum folgen. Aber man konnte erkennen, dass die Besucher vom bisher Gesehenen und Gehörten durchaus angetan waren. Ich nutzte die Gelegenheit in den Orchestergraben zu schauen, welcher ein sehr großes Orchestra zu beherbergen schien (die offiziellen ‚Daten und Fakten‘ folgen später im Bericht).

3 Antworten

  1. ChrisHB sagt:

    Ein wirklich spannender Bericht!!!! Vielen Dank !!!!

  2. Micha sagt:

    Naja…The Wall als Oper…nun ja…wenns sein muss. Finde ich jetzt nicht so wirklich spannend…

  3. GeckoFloyd GeckoFloyd sagt:

    Danke Martin für diesen super Bericht, man spürt beim Lesen Deine Begeisterung, und löste bei mir das Gefühl aus, was wäre ich gerne neben Dir gesessen 😉 Weiss man schon, ob das Werk bald auf CD erhältlich sein wird? Mich würde die musikalische Interpretation – auch als Opern-Laie – sehr interessieren. So wie Du das eindrucksvoll schilderst, scheint das wohl – für mich – nicht so „schwer-verdaulich“ zu sein, wie CA IRA. 😉 Schönes WE + Cheers.

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