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Comfortably
Numb | Fotos: ML Music and Light Production GmbH sowie
Andreas Zimmer und Ralph Maas
16.10.2006 Bericht
von Hans-Jürgen Müller
Behind The Wall
Jakob-Kiefer-Halle, Bad Kreuznach, 16.09.2006
Samstag Abend, kurz vor 23:30 Uhr: Nach Beendigung der Zugabe mit dem Song "Another Brick In The Wall (II)" geht die Band unter
tosendem Applaus der Menge von der Bühne. Was habe ich da gerade in weit über 3 Stunden erlebt? Ein Konzert der reformierten Pink
Floyd mit Roger Waters, die sich nach dem phänomenalen Erfolg des Live8-Auftritts endlich zu einer richtigen Reunion aufgerafft
haben? Leider nein!
Ich war Zeuge des Rockmusicals "Behind The Wall -
Licht-ins-dunkel", das am 16.09.06 in der Jakob-Kiefer-Halle in Bad
Kreuznach vor ca. 450 Zuschauern zelebriert wurde. Mit relativ hohem Aufwand wurde von dieser "Amateur"-Truppe das Pink Floyd
Werk "The Wall" von 1979 als Musical präsentiert.
Die Bühne in dieser Sporthalle hat auf beiden Seiten in Richtung Publikum hohe weiße Wände mit den bekannten Hammersymbolen. Dies
lässt erahnen, was im Verlauf der Show passieren wird: Der Zwischenraum wird quer über die Bühne, wie im Original, von
weißen Styroporquadern gefüllt werden, so dass durch eine weiße Mauer eine komplette Trennung von Band und Zuschauern entsteht.
Doch der Reihe nach ...
Um 20:07 Uhr betritt die 6-köpfige Band incl. einer jungen Gitarristin, sowie einem Sänger und 2 Sängerinnen die Bühne. Nach
einer kurzen Ansprache startet das Musical überraschenderweise mit "When The Tigers Broke
Free", um jedoch im Anschluss akkurat
die Reihenfolge des ersten Teils der Live-Shows von "The Wall" einzuhalten, also auch mit "What Shall We Do Now?".
Zwischen den einzelnen Songs gibt es dann die Handlung zu sehen und zu hören: Da agieren Schauspieler/Innen, die versuchen, die
Botschaft des Werkes ziemlich eindeutig dem Publikum zu übermitteln. Es gibt die zentrale Figur des Hans Braun, der 1922 geboren wurde, vor dem 2.
Weltkrieg aufwuchs, den Weltkrieg und Gefangenschaft durchleben musste und mehrere Schicksalsschläge in
der Folge zu verkraften hatte und letztlich eine Mauer um seine Gefühle aufgebaut hat.
Daraus lässt sich schon ersehen, dass die Aufführung von "Behind The
Wall" die ursprünglichen Aussagen und Thematiken von "The
Wall" teilweise abgeändert hat. Hier spielt die Handlung nicht im Rockzirkus eines Pink, sondern ein alter Mann kämpft gegen sich
und um seine Enkelin. Dies manifestiert sich auch in einigen abgeänderten Songtexten, die zumindest bei mir für etwas Verwirrung sorgen.
Neben dem Bühnenaufbau mit einem Sofa für den alten Hans, gibt es noch ein altes Radio für die Kriegsnachrichten (Irakkrieg) und
einen simplen Stuhl für die desinteressierte Enkelin Carmen. Die Gespräche zwischen den beiden schleppen sich so hin und man wartet eigentlich sehnsüchtig auf den jeweils nächsten Musikteil.
Unterdessen wird fleißig an der Mauer gebaut, die Stück für Stück wächst und als Projektionsfläche für Einspielungen aus dem
Wall-Film dient. Auch hier wiederum die seltsam anmutende Entscheidung, einen Teil der Aufnahmen nicht zu den ursprünglich
im Film vorgesehen Songs zu zeigen. Es gibt keinen erkennbaren Grund hierfür. Aber vielleicht sehe ich das auch zu kritisch und
möglicherweise hat das sonst niemand registriert?!
Wie gewohnt, wird dann bei "Goodbye Cruel World" der letzte Mauerstein eingesetzt und der erste Teil des Musicals geht nach
75 Minuten zu Ende.
Es folgt eine mehr als halbstündige Pause, die mit Fachsimpeln über das bisher Gesehene überbrückt wird. Man ist sich einig,
dass die Rolle des Hans auf die Dauer etwas ermüdend wirkt (leider wird das im zweiten Teil des Musicals nicht gerade
besser). Während der Sänger Wolfgang Prinz in den höheren Parts noch einigermaßen überzeugen kann, sind die tieferen und leiseren
Teile nicht sein Ding. Da mutiert der Gesang zu einem Gekrächze und wird mehr gesprochen als gesungen. Meines Erachtens würde er
sich wohl besser in einer Heavy Metal-Band fühlen, bei der er seine Screamer-Leidenschaften ausleben könnte. Zumindest die 2
Sängerinnen haben sehr angenehme Stimmen, die einen Ausgleich zu ihrem Gesangspartner schaffen. Zur Band selbst kommen wir dann später ...
Der zweite Teil beginnt wenig überraschend mit "Hey You", bei dem
die Sängerin oberhalb der Mauer ihre teilweise neuen Texte singt. Bereits zu diesem Zeitpunkt frage ich mich, ob der komplette
zweite Teil lediglich mit Projektionen auf die Mauer und ein paar Schauspielern überbrückt werden soll. Aber nein, da haben sie
sich bestimmt noch ein paar Dinge einfallen lassen! Doch leider bleibt meine Hoffnung unerfüllt.
Den ganzen zweiten Teil über ist die Band unsichtbar, mit Ausnahme des unverzichtbaren Gitarrensolos bei "Comfortably
Numb", bei dem beide Gitarristen wie in Berlin 1990 über der Mauer ihre Solo-Parts abwechselnd spielen. Letztendlich ergibt dies eine 10-minütige Version dieses tollen Live-Songs, der mit
zu den Highlights des Abends gerechnet werden darf.
Zwischendurch versuchen die Enkelin, ein Arzt und die Armee der Finsternis, das Publikum bei Laune zu halten und das mittlerweile
doch nervtötende Gestammel vom alten Hans zu überbrücken. Dann ertappe ich mich bei dem Wunsch, dass der
"Geist der Mauer" doch endlich seinen Willen bekommen möge und der alte Hans Braun das
Zeitliche segnen würde. Hoffentlich konnte keiner meiner Nachbarn meine Gedanken lesen!
Wie dem auch sei, die Skurrilitäten reihten sich aneinander, aber nach dem Satz "Does anybody here remember Maria
Braun?" aus dem verstümmelten Song "Vera Lynn" konnte ich mein Entsetzen nur mit
einem kräftigen Kopfschütteln ausdrücken.
Damit die geänderte Dramaturgie noch halbwegs einen Sinn ergab, mussten die Songs
"Bring The Boys Back Home", "Stop" und "The
Trial" komplett geopfert werden, womit zentrale Songs des ursprünglichen Opus einfach entfielen. Am Ende der überlangen 85
Minuten des zweiten Teils stand dann mit "Outside The Wall" der
wichtigste Song des ganzen Albums, der aber durch seine Textänderungen seine unglaubliche Brillanz verlor.
Nachdem man sich auf das Ende des Abends eingestellt hatte, ergriffen die Musiker nochmals ihre Instrumente und gaben während
des Songs "Run Like Hell" den Schauspieler/Innen die Möglichkeit,
ihren Applaus seitens der Zuschauer im Empfang zu nehmen. Nach anschließender Verbeugung der ganzen Truppe incl. Band erfolgte
als Rausschmeißer nochmals "Another Brick In The Wall (II)", womit wir wieder am Anfang meines Berichts angelangt wären.
Glücklicherweise konnte man bei den letzten beiden Songs nach dem Einsturz der Mauer zumindest die Band wieder sehen und bei dem
einen oder anderen Musiker doch Gefühlsregungen erkennen, die von den beiden Gitarristen in einer Art Koma während des ganzen
Abends vermisst wurden. Da wurden die Noten brav abgespielt, aber
ohne Emotionen. Nicht schlecht, aber irgendwie steril (siehe "Comfortably Numb"). Ansonsten konnte man insgesamt gute Musiker
erleben, die ihre Parts sauber vortrugen, ohne allerdings hin und wieder für wirkliche Glanzlichter zu sorgen.
Letztlich kann man musikalisch in Anbetracht der Umstände von einem recht ordentlichen Abend sprechen, die
Umsetzung der
Schauspieleinlagen erreichten allerdings nur mäßiges Niveau und haben meines Erachtens nur die musikalische Geschichte verschleppt. Aber vielleicht war diese Interpretation von "The
Wall" für die meisten Zuschauer doch sehr interessant - dies kann
man zumindest aus dem reichhaltigen Applaus ablesen. Für Fans von Pink Floyd und der Thematik erscheint mir das Ganze allerdings
doch recht fragwürdig.
Nichtsdestotrotz muss man den hohen Einsatz der Truppe lobend erwähnen, auch wenn ein
Eintrittspreis von 24 EUR doch etwas überteuert erscheint. Diese künstlerische Freiheit im Umgang mit
dem Stoff wird allerdings nicht jedermanns Sache sein.
Nach dem Konzert bestand die Möglichkeit, die Live-CD "Just A Brick" mit 14 Songs aus dem Auftritt vom 10.04.04 in der
Stadthalle Saarburg für 12 EUR zu erwerben (wovon ich dann aber doch Abstand genommen habe).
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