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5.6.2002 Roger Waters Frankfurt Festhalle

 

Alle die vielen schönen Stunden, eh' Du's gedacht, sind sie vorüber.

7.6.2002 FAZ Zukunft war gestern, aber Roger Waters allein ist immer noch mehr als ein Viertel von "Pink Floyd"

 

Anders als die klassische Musik, auch der Jazz, hat es der Rock nie verstanden, ein Repertoire zu bilden, das unabhängig von den Urhebern weitergetragen würde. Vielleicht liegt darin sogar ein Prinzip. Es erschließt sich in dem Maße, da offenkundig wird, daß die Generation der Protagonisten aus größeren Tagen damit begonnen hat, ihre Abschiedsrunden zu drehen - das Alter macht eben auch vor dem Rocker nicht halt. Und die wichtigsten Abdrücke hat der Rocksong ohnehin in der eigenen Biographie hinterlassen. Lieder wurden zu Gefühlen, die sich im Wiederhören wieder fühlen lassen. Dennoch ist es eine eigentümliche Erfahrung, beim Konzert eines Musikers, den man schon als Jugendlicher hörte, der eigenen Sozialisation zu begegnen. Das ist vielleicht das wirklich Unvergängliche am Rock: Wie ein Klang Jahrzehnte überspringt. Ein guter Song ist ein fliegender Teppich. Er bringt einen zurück in ein Land, in das es sonst keine Wiederkehr gibt.
 

Thanx to Oliver Thöne.


Man unterscheidet im Rock heute auch unter den Alten. Jene, die ihre Songs von einst singen, als wären sie immer noch neu, umweht nicht selten ein Hauch von Peinlichkeit. Erinnerung ist nicht immer angenehm: So soll ich gewesen sein? Auf der anderen Seite stehen jene Veteranen, die es über die Jahre nicht aufgegeben haben, dem Mythos der eigenen Jugendlichkeit nachzujagen. Immerhin sind ihnen bisweilen überraschend künstlerische Erkenntnisse zu verdanken - unterwegs in die eigene Unendlichkeit. Doch auch sie müssen irgendwann erkennen, daß die Zeit nicht zu besiegen ist. Einmal muß jeder Rockmusiker vor der Ewigkeit kapitulieren: Und handelte es sich dabei um die eigene Musik.

Letztlich kann es nur noch darauf ankommen, in Würde aufzugeben. Roger Waters gelingt dies beispielhaft auf seiner Tournee, die ihn seit zwei Jahren um die Welt führt - vorher war eine Rock-Ewigkeit lang nichts von ihm zu hören gewesen. Sein letztes Soloalbum, die dunkel glänzende Medienanalyse "Amused to Death" liegt genau zehn Jahre zurück. Damals tönte sie auf der Höhe der Zeit. Heute läßt sie sich immer noch als Zeitdokument hören - auch was die musikalischen Mittel der Song-Erzählungen über den virtuos collagierten Rockstilen angeht. Doch die Aktualität von gestern bekommt im Rock wie von selbst eine Aura von Unwiederholbarkeit: um so mehr, wenn alle in der ausverkauften Frankfurter Festhalle jeden Song mitsingen können - als vielstrophiges Lied vom eigenen Echo.

Bis zu seinem Ausstieg vor zwei Jahrzehnten war Roger Waters der wohl brillanteste Kopf der englischen Band "Pink Floyd". Ihr gehörte einst die Zukunft des Rock, und sie verschwendete sie in übermusikalischen Rundumerlebnissen; es war ein Vergnügen dabeizusein. Dann verließ Waters die Gruppe, was beide Seiten bis heute nicht verwunden haben. Vielleicht ist der gegenseitige Aderlaß auch ein Grund für das nunmehr fast ein Jahrzehnt währende Schweigen von Band und Abtrünnigem. Einander haben sie nichts mehr zu sagen, dem Rest der Welt wohl auch nicht mehr.

So geht es heute allein noch darum, die Größe von einst in immer weiteren Kreisen zu umrunden. Roger Waters macht das souverän, angenehm unprätentiös, was in Anbetracht der Struktur dieser bombastischen Musik zur eigenen Qualität wird. Sein Frankfurter Konzert, fast drei Stunden lang, besteht im wesentlichen aus Songs aus "Pink Floyd"-Tagen, den allerbesten aus dem gemeinsamen opus magnum, der Oper "The Wall".

Das ist sein gutes Recht, immerhin hatte der heute Siebenundfünfzigjährige maßgeblichen Anteil daran. Daß er diese Musik freilich spielt oder besser: inszeniert mit den Mitteln von einst, Geräuschzuspielungen aus Lautsprechern, die im Saal verteilt sind, Film- und Fotogalerien auf der riesigen Leinwand über der Bühne, beredt kommentierender Lichtregie, sperrt sie ein in ihre eigene Geschichte. Und die siebentausend im Saal, die den "Pink Floyd"-Kosmos irgendwann verließen, weil ihr Leben anders weiterging, sind für einen Abend wieder in der eigenen Vergangenheit. Der eine oder andere wird dabei feststellen, daß er sich dort immer noch auskennt. Doch auch das wird offensichtlich: Wirklichkeit ist anderswo.

Es ist eine neue Erfahrung, daß Rock auch den Abschied in sich trägt. Diese Facette der Musik sollte man als Zuwachs ihrer Erfahrung verstehen. Dann wird man sie schätzenlernen.

ANDREAS OBST

Info von Oliver Thöne

Songliste:

1. In The Flesh (Pt.2)

2. The Happiest Days Of Our Lives

3. Another Brick In The Wall, Part 2

4. Mother
5. Get Your Filthy Hands Off My Desert

6. Southampton Dock

7. Pigs On The Wing (Pt.1)

8. Dogs

9. Set The Controls For The Heart Of The Sun

10. Shine On You Crazy Diamond (Pt.1-5)

11. Welcome To The Machine

12. Wish You Were Here

13. Shine On You Crazy Diamond (Pt.6-9)

 

14. Breathe

15. Time

16. Money

17. Every Stranger's Eyes

18. Perfect Sense (Pt.1)

19. Perfect Sense (Pt.2)

20. The Bravery Of Being Out Of Range

21. It's A Miracle

22. Amused To Death

23. Brain Damage

24. Eclipse

25. Comfortably Numb

 

26. Flickering Flame

 

Mittwoch, Halle, P&S Leser in Frankfurt: Oliver Thöne, Pete Zahlten, Frank Rzehak, Thomas Rumohr.

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