Alle die vielen schönen Stunden, eh' Du's
gedacht, sind sie vorüber.
7.6.2002 FAZ Zukunft war gestern, aber Roger Waters
allein ist immer noch mehr als ein Viertel von "Pink Floyd"
Anders als die klassische Musik, auch der
Jazz, hat es der Rock nie verstanden, ein Repertoire zu bilden, das
unabhängig von den Urhebern weitergetragen würde. Vielleicht liegt darin
sogar ein Prinzip. Es erschließt sich in dem Maße, da offenkundig wird,
daß die Generation der Protagonisten aus größeren Tagen damit begonnen
hat, ihre Abschiedsrunden zu drehen - das Alter macht eben auch vor dem
Rocker nicht halt. Und die wichtigsten Abdrücke hat der Rocksong ohnehin
in der eigenen Biographie hinterlassen. Lieder wurden zu Gefühlen, die
sich im Wiederhören wieder fühlen lassen. Dennoch ist es eine
eigentümliche Erfahrung, beim Konzert eines Musikers, den man schon als
Jugendlicher hörte, der eigenen Sozialisation zu begegnen. Das ist
vielleicht das wirklich Unvergängliche am Rock: Wie ein Klang Jahrzehnte
überspringt. Ein guter Song ist ein fliegender Teppich. Er bringt einen
zurück in ein Land, in das es sonst keine Wiederkehr gibt.

Thanx to Oliver Thöne.
Man unterscheidet im Rock heute auch unter den Alten. Jene, die ihre Songs
von einst singen, als wären sie immer noch neu, umweht nicht selten ein
Hauch von Peinlichkeit. Erinnerung ist nicht immer angenehm: So soll ich
gewesen sein? Auf der anderen Seite stehen jene Veteranen, die es über
die Jahre nicht aufgegeben haben, dem Mythos der eigenen Jugendlichkeit
nachzujagen. Immerhin sind ihnen bisweilen überraschend künstlerische
Erkenntnisse zu verdanken - unterwegs in die eigene Unendlichkeit. Doch
auch sie müssen irgendwann erkennen, daß die Zeit nicht zu besiegen ist.
Einmal muß jeder Rockmusiker vor der Ewigkeit kapitulieren: Und handelte
es sich dabei um die eigene Musik.
Letztlich kann es nur noch darauf ankommen, in Würde aufzugeben. Roger
Waters gelingt dies beispielhaft auf seiner Tournee, die ihn seit zwei
Jahren um die Welt führt - vorher war eine Rock-Ewigkeit lang nichts von
ihm zu hören gewesen. Sein letztes Soloalbum, die dunkel glänzende
Medienanalyse "Amused to Death" liegt genau zehn Jahre zurück. Damals
tönte sie auf der Höhe der Zeit. Heute läßt sie sich immer noch als
Zeitdokument hören - auch was die musikalischen Mittel der
Song-Erzählungen über den virtuos collagierten Rockstilen angeht. Doch
die Aktualität von gestern bekommt im Rock wie von selbst eine Aura von
Unwiederholbarkeit: um so mehr, wenn alle in der ausverkauften
Frankfurter Festhalle jeden Song mitsingen können - als vielstrophiges
Lied vom eigenen Echo.
Bis zu seinem Ausstieg vor zwei Jahrzehnten war Roger Waters der wohl
brillanteste Kopf der englischen Band "Pink Floyd". Ihr gehörte einst
die Zukunft des Rock, und sie verschwendete sie in übermusikalischen
Rundumerlebnissen; es war ein Vergnügen dabeizusein. Dann verließ Waters
die Gruppe, was beide Seiten bis heute nicht verwunden haben. Vielleicht
ist der gegenseitige Aderlaß auch ein Grund für das nunmehr fast ein
Jahrzehnt währende Schweigen von Band und Abtrünnigem. Einander haben
sie nichts mehr zu sagen, dem Rest der Welt wohl auch nicht mehr.
So geht es heute allein noch darum, die Größe von einst in immer weiteren
Kreisen zu umrunden. Roger Waters macht das souverän, angenehm
unprätentiös, was in Anbetracht der Struktur dieser bombastischen Musik
zur eigenen Qualität wird. Sein Frankfurter Konzert, fast drei Stunden
lang, besteht im wesentlichen aus Songs aus "Pink Floyd"-Tagen, den
allerbesten aus dem gemeinsamen opus magnum, der Oper "The Wall".
Das ist sein gutes Recht, immerhin hatte der heute Siebenundfünfzigjährige
maßgeblichen Anteil daran. Daß er diese Musik freilich spielt oder
besser: inszeniert mit den Mitteln von einst, Geräuschzuspielungen aus
Lautsprechern, die im Saal verteilt sind, Film- und Fotogalerien auf der
riesigen Leinwand über der Bühne, beredt kommentierender Lichtregie,
sperrt sie ein in ihre eigene Geschichte. Und die siebentausend im Saal,
die den "Pink Floyd"-Kosmos irgendwann verließen, weil ihr Leben anders
weiterging, sind für einen Abend wieder in der eigenen Vergangenheit.
Der eine oder andere wird dabei feststellen, daß er sich dort immer noch
auskennt. Doch auch das wird offensichtlich: Wirklichkeit ist anderswo.
Es ist eine neue Erfahrung, daß Rock auch den Abschied in sich trägt.
Diese Facette der Musik sollte man als Zuwachs ihrer Erfahrung
verstehen. Dann wird man sie schätzenlernen.
ANDREAS OBST
Info von Oliver Thöne
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Songliste:
1. In The Flesh
(Pt.2)
2. The Happiest Days
Of Our Lives
3. Another Brick In
The Wall, Part 2
4. Mother
5. Get Your Filthy Hands Off My
Desert
6. Southampton Dock
7. Pigs On The Wing
(Pt.1)
8. Dogs
9. Set The Controls
For The Heart Of The Sun
10. Shine On You
Crazy Diamond (Pt.1-5)
11. Welcome To The
Machine
12. Wish You Were
Here
13. Shine On You
Crazy Diamond (Pt.6-9)
14. Breathe
15. Time
16. Money
17. Every Stranger's
Eyes
18. Perfect Sense
(Pt.1)
19. Perfect Sense
(Pt.2)
20. The Bravery Of
Being Out Of Range
21. It's A Miracle
22. Amused To Death
23. Brain Damage
24. Eclipse
25. Comfortably Numb
26. Flickering Flame
Mittwoch, Halle, P&S Leser in Frankfurt:
Oliver Thöne, Pete Zahlten, Frank
Rzehak, Thomas Rumohr. |