Zeitzeugenbericht: 14.2.1981 Pink Floyd Dortmund Westfalenhalle

14.2.2011: Mein Gott, 30 Jahre ist es her, seit am Ende des bestinszenierten Gigs der Rockgeschichte in Dortmund an 7 Abenden hintereinander Pink Floyd die Mauer einstürzten lies.

The Wall die Rockshow des Jahrhunderts! Live miterlebt und niedergeschrieben von Klaus Schneider!

Und genauso alt war ich damals und überglücklich, nach meinem durch eine Verkettung von Zufällen verhinderten Konzert der Animals Tour nun doch meine Lieblingsgruppe („Stars“ wäre zu trivial und gleichermaßen untertrieben) zu erleben. Lange hatte es gedauert, bis es Marcel Avram geschafft hatte, »The Wall« auch nach Deutschland zu holen. Gespannt verfolgte ich seinerzeit den Stand der Verhandlungen. Ich werde weniger über die Musik selbst schreiben, die kennt jeder Leser von zahlreichen Bootlegs und auch von der offiziellen Veröffentlichung »Is There Anybody Out There?« Auch das Umfeld meines persönlichen Trips werde ich aussparen und eher aufzeigen, warum dieses Happening in den Jahren 1980/81 so unerreichbar ist.

Es gab wohl kaum ein Medium, bei dem das „Spektakel“ nicht schon Erwähnung fand. Natürlich hatte ich die Berichte und auch Pamphlete von den Auftritten in Los Angeles, New York und London schon gelesen. Sie reichen von überschwänglicher Begeisterung und Geheimniskrämerei (»Die größte Show der Welt«, »Pink Floyd lassen die Puppen tanzen«, »absolutes Film– und Fotoverbot — diese Fotos sind streng geheim“, »Das war die Rockshow des Jahrhunderts«, »je 7 Tage Auf– und 5 Tage Abbauzeit«, »Roadcrew von 240 Helfern“, 23 Sattelschlepper«, »die Hälfte der Riesenhallen wird für Bühnentechnik genutzt«, »hydraulische Hebebühnen und ferngesteuerte Kräne, neuentwickelte Hochleistungsprojektoren«, »eine Mauer aus 250 Steinen 14 m hoch und 55 m breit“) aber auch unqualifizierten und hämischen Beiträgen (»Rockopas wollen mit einem Technikspektakel den Anschluß wieder finden«, »Ein Star rechnet mit seinen Lehrern ab«, »Bühnentechnik raubt jede Bewegungsfreiheit und verhindert Improvisation« und so weiter).

Frank Elstner las die Saalwette bei »Wetten dass« vor: »Ich wette, dass ihr es nicht schafft, die Musiker von Pink Floyd hier auf die Bühne zu holen.« Der Wettkandidat gewann natürlich, denn an diesem Abend hatten sie wahrlich besseres zu tun!

Erstmalig hatte die damalige Bundesbahn Sonderzüge direkt zur Westfalenhalle organisiert und verkaufte gleich die Eintrittskarten dazu. Wir, meine Schwester und ich, reisten allerdings individuell mit einem normalen Zug zum 2. Dortmunder Konzert am 14. Februar 1981. Und aus dem ganzen westlichen Europa waren Fans mit Bussen angereist. In der Halle spürte man die internationale Atmosphäre: Auf einer riesigen Anzeigetafel begrüßten Leuchtbuchstaben die Gäste aus den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Frankreich, Österreich und gar Fans, die mit einer Sondermaschine aus Israel gekommen waren. Erstaunt war ich aber mehr, als ich auf dieser Tafel las, dass auch eine Gruppe mit Diskjockeys aus der DDR an diesem Abend unter uns weilte.

Ich war sehr nervös und angespannt wegen dem bevorstehenden Ereignis, endlich einmal auch Pink Floyd live zu erleben. An der Hallendecke hingen viele schwarze große Fahnen mit dem Wall-Symbol der gekreuzten Hämmer. Die Bühne war nicht an einem Hallenende, sondern die links und rechts schon aufgebaute Mauer durchtrennte die Halle etwa in der Mitte. Dazwischen verdeckte ein riesiger schwarzer Vorhang die Bühne mit gigantischen Ausmaßen. Recht bescheiden machte sich davor ein kleines Schlagzeugset und ein einziges Keyboard aus. Die Puppe „Pink als Baby“ saß auf einer Treppe, welche auf den Bühnenteil hinter den Vorhang ging. In jeder Ecke entdeckte ich sofort die Floyd typischen Lautsprechertürme der Quattroanlage, und unter der hinteren Hallendecke wartete das Jagdflugzeug auf seinen Einsatz. Die Spannung stieg, als schon 30 Minuten vor dem offiziellen Beginn von links ein Baby schrie, von hinten ein Güterzug angerollt kam, von rechts vorne schnatternde Wildgänse über unsere Köpfe flogen und hinter dem Vorhang in immer kürzeren Zeitabständen Nebelwolken aufstiegen. Unser Platz in der zum Glück vollkommen bestuhlten Halle war hinten in der Hallenmitte in Augenhöhe mit dem oberen Mauerrand, so dass wir alles gut im Blick hatten und aus dieser Position auch schon etwas von der kreisrunden Leinwand sehen konnten.

Plötzlich wurde es dunkel und das Publikum tobte. Ein Herr mit schwarzem Anzug und Krawatte betrat die Bühne und sagte in deutscher Sprache, dass es nicht gestattet sei, Bilder oder Filmaufnahmen zu machen. „In euren Köpfen wird es genug Explosionen während der Show geben.“ Der in das Konzept ganz offensichtlich integrierte Ansager steigerte die Spannung, in dem er immer wieder hinter den Vorhang schaute und sagte: „Ich glaube, die Band ist bald soweit“. Und noch während er mehr oder weniger bedeutungsvolle Texte von sich gab, marschierten von rechts auf die Bühne Pink Floyd. Nein, ich wusste ja vom Programmheft, dass es die Gastmusiker Andy Bown (bg), Andy Roberts (guit), Willy Wilson (dr), Peter Wood (key) waren. Snowy White ging nach den Konzerten in Los Angeles und New York andere Verpflichtungen mit Thin Lizzi ein. Während der ersten Minute von „In The Flesh“ stiegen 7 hohe Feuerregensäulen auf, der Vorhang fiel und gab den Blick in das Dunkel der hinteren und etwas höheren Bühne mit der runden Leinwand frei. Huch, David Gilmour mit ganz kurzen Haaren? Ja, ein Blick ins dem Nachbarn entrissene Opernglas bestätigte dies. Etwas gewöhnungsbedürftig, denn seinerzeit hatten meinem Wissen nach noch alle Rockmusiker lange Haare. Absolut gigantisch der Effekt, als am Ende des Openers das Flugzeug durch die Halle jagte und am der rechten oberen Mauerteil zerschellte bzw. einige Steine mit riss. Die erste größere musikalische Abweichung von der Studioversion war die durch Synthesizer, Percussion und Bass getragene instrumentale Verlängerung von „Another Brick In The Wall, Pt.1“. Mein persönlicher optischer Hochgenuß erschien während „The Happiest Days Of Our Lives“, in Form des einer Kiste entsteigenden Teachers, der von rechts anmarschiert kam. Es war eine gigantische etwa 8 — 10 Meter hohe Marionette, die zu „Another Brick In The Wall, Pt. 2“ dann bis zur Bühnenmitte kam, aus den Augen funkelte und seine langen Arme sowie den Kopf bis über die beiden ersten Reihen im Publikum streckte. Bei „Mother“ war schon deutlich zu sehen, dass die Mauer „gewachsen“ war. Zahlreiche, in schwarz gekleidete und kaum zu bemerkende Helfer, hatten bis dahin schon ganze Arbeit geleistet, aber immer einige steinlose Rahmen mit eingebaut, die den Blick auch auf Rick Wright und Peter Wood weiter ermöglichten. Genial waren auch die beiden bemannten Lichtgondeln, die sich dreidimensional bewegen und somit jeden gewünschten Winkel der gigantischen Bühne effektvoll ausleuchten konnten.

Band:
David Gilmour: Gitarre, Gesang, Mandoline (Outside the Wall)
Roger Waters: Bass, Gitarre, Gesang, Klarinette (Outside the Wall)
Richard Wright: — Keyboards, Gesang, Akkordeon (Outside the Wall)
Nick Mason: Schlagzeug, Percussion, Akustikgitarre (Outside the Wall)

Willie Wilson: Schlagzeug, Percussion
Andy Bown: Bass, Akustikgitarre (Outside the Wall)
Peter Wood: Keyboards, Akustikgitarre auf Outside the Wall
Wili Tomsik: Master of Zeremonie
Andy Roberts: Gitarre
Stan Farber: Hintergrundgesang
Joe Chemay: Hintergrundgesang
Jim Haas: Hintergrundgesang
John Joyce: Hintergrundgesang

Songliste:
01. Master of Ceremonies (Waters) 1:13
02. In The Flesh? (Waters) 3:00
03. The Thin Ice (Waters) 2:49
04. Another Brick In The Wall Pt I (Waters) 4:12
05. The Happiest Days of Our Lives (Waters) 1:39
06. Another Brick In The Wall Part II (Waters) 6:19
07. Mother (Waters) 7:54
08. Goodbye Blue Sky (Waters) 3:14
09. Empty Spaces (Waters) 2:14
10. What Shall We Do Now? (Waters) 1:40
11. Young Lust (Waters/Gilmour) 5:16
12. One of My Turns (Waters) 3:41
13. Don’t Leave Me Now (Waters) 4:07
14. Another Brick In The Wall Part III (Waters) 1:15
15. The Last Few Bricks (Pink Floyd) 3:25
16. Goodbye Cruel World (Waters) 1:41

17. Hey You (Waters) 4:55
18. Is There Anybody Out There? (Waters) 3:09
19. Nobody Home (Waters) 3:15
20. Vera (Waters) 1:27
21. Bring the Boys Back Home (Waters) 1:20
22. Comfortably Numb (Gilmour/Waters) 7:26
23. The Show Must Go On (Waters) 2:34
24. Master of Ceremonies (Waters) :37
25. In the Flesh (Waters) 4:22
26. Run Like Hell (Gilmour/Waters) 7:05
27. Waiting for the Worms (Waters) 4:13
28. Stop (Waters) :32
29. The Trial (Waters/Ezrin) 6:01
30. Outside the Wall (Waters) 4:28

Die Show war in 3 Teile konzipiert: Der erste Teil wurde mit dem Einsetzen des letzten Steins durch Roger Waters selbst bei „Good Bye Cruel World“ beendet. In diesem Teil erlebten wir die Riesenfiguren „Mother“ und „Young Lust“ und natürlich das zusätzliche Stück „What Shall We Do Now? nach „Empty Spaces«. Unvorstellbar effektvoll war es, als im linken Drittel der Mauer bei »One Of My Turns« plötzlich Steine verschwanden (eine große Platte klappte nach vorne und diente als Fußboden) und Roger in einem Hotelzimmer unter einer Stehlampe saß und TV guckte. Dass Lampe und TV nicht überleben ist ja auch schon auf dem Album zu hören. »There is nothing you can say to make me change my mind — good bye«!

25 Minuten Pause. »Hey You« leitete den 2. Teil ein und wurde hinter der blau beleuchteten Mauer gespielt. Irgendwie schade! Klar, passt zur Story aber ungewohnt war es schon. Nun, in diesem 2. Teil waren zwischen »Is There Anybody Out There?« und »The Show Must Go On« von der Gruppe nur Roger Waters und David Gilmour zu sehen. Die Mauer diente als riesige Projektionsfläche für Dia– und Filmeinspielungen von Gerald Scarfe sowie Echtbildern. Besondere Effekte waren, als David nach »Is There Anybody Out There?« in etwa 6 Metern über dem Bühnenboden hinter 3 wieder entfernten Steinen saß und traumhaft schön die akustische Gitarre spielte. Und natürlich bei »Comfortably Numb«, als Roger als Arzt verkleidet unten zu Pink »hinter der Mauer« sang und David als Pink »weit weg« ganz oben auf der Mauer seinen Part sang und — von weißen Spots von hinten beleuchtet — den Gitarrenpart sehr laut spielte. »The show must go on« am Ende des 2. Teils war das 2. Stück, bei welchem kein Musiker zu sehen war; David sang es an diesem Abend sehr schräg.

Der 3. und letzte Teil der »Rockoper« oder des »Rocktheaters« wurde nach einer erneuten — diesmal verzerrten — Ansage von »In The Flesh« eingeleitet. Die beiden Schlagzeugsets und die Keyboards wurden Sekunden zuvor hydraulisch von unten auf den Bühnenteil vor der Mauer gefahren und Schränke mit Reglern, Monitorboxen und Gitarrenständern von beiden Bühnenenden angerollt. Nun waren alle Bandmitglieder einheitlich in schwarz gekleidet und trugen irgendwo am Hemd oder T-Shirt das Wall-Symbol. Roger hatte seinen ledernen Uniformmantel an. Mit den 4 Backing Vocalists, welche auch schon auf dem Album mitsangen, standen zeitweise 12 Musiker auf der Bühne. Ein weiterer optischer Höhepunkt flog ganz unverhofft während dem durch Roger angesagten »Run Like Hell« ein: Die diesmal schwarze Riesensau durchbrach am linken oberen Rand die Mauer und segelte über das Publikum — einmal so tief, dass sie von einem Fan stehend auf dem Stuhl berührt werden konnte. Bei »Stop« wurde die Bühne geräumt und Roger blieb bis zum Mauerfall nach »The Trail« alleine auf der Bühne. Mit einem Riesengetöse brachen erst einige Steine aus der Mauer bis diese dann komplett in sich einstürzte. Alles war noch in Staub bzw. Trockeneisnebel gehüllt als nur Roger, David, Rick und Nick — wieder in normalen Straßenklamotten — von rechts auf die Bühne schritten, sich kurz verbeugten und nach links abmarschierten. Nach wenigen Minuten kamen alle 12 im Gänsemarsch von links nach rechts und gaben »Outside The Wall« zum Besten. Nick spielte akustische Gitarre, David Mandoline, Roger Klarinette und Rick Akkordeon. Das war’s! Und auch wenn einige nach der Standing Ovation »Zugabe« brüllten — nichts hätte nach diesem Spektakel dazu gepasst.

Noch beim Rausgehen hörte ich von einigen »The Wall war sicherlich das letzte, was Floyd auf die Bühne gebracht haben« oder »Eine Steigerung ist unmöglich; jetzt auf dem Höhepunkt der Karriere gibt es höchstens noch mal ein Studioalbum — wenn überhaupt«. »Sie sind ja auch schon recht alt.« Frechheit — alle Floyds waren damals jünger als ich heute bin! Wie die Jahre nur so dahin rasen: »… And then one day you find ten years have got behind you …« Von wegen nur 10 Jahre!

Im Rückblick nach den ganzen Jahren und weiteren Gigs mit Pink Floyd, David Gilmour und Roger Waters muss ich sagen, dass vom Gesamtkonzept und von der Technik her »The Wall« 1980/81 bis heute unerreicht ist. Das gilt auch 1990 für Roger’s Aufführung in Berlin. Mag sein, dass da alles noch etwas höher und breiter war — aber der Teacher war einfach nur groß und die »Mother« einfachst auf einen Mauerteil gemalt. Musikalisch — na ja. Besser war allerdings, dass in Berlin Michael Kamen ein richtiges Orchester dirigierte und somit nur die normalen Geräusche vom Mischpult beigemischt werden mussten. Okay, und dass »The Trial« von schauspielernden Sängern und singenden Schauspielern dargeboten wurde. Ich bin glücklich, dass ich Pink Floyd noch in (meiner) Umbesetzung erleben durfte (wer war Syd Barrett?) und dennoch — allen Unkenrufe zum Trotz — Werke wie »Shine on«, »Welcome To The Machine« oder »Time« live genießen konnte.

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2 Antworten auf Zeitzeugenbericht: 14.2.1981 Pink Floyd Dortmund Westfalenhalle

  1. Uwe sagt:

    Ich habe Anfang 1981 nichts mehr herbei gesehnt als dieses Konzert.
    Zum ersten Mal meine Idole live sehen, das war schon was.

    Trotzdem hatte ich dann einen riesen Bammel als es auf den 14.02. zuging.

    Der Grund: Ich war mittlerweile beim Bund und hatte extrem kurze Haare.
    Mich hat der Haarschnitt von David Gilmore dann ungemein beruhigt.
    So kurz fand ich seine Haare (im Vergleich zu meinem Bundeswehrschnitt) übrigens gar nicht — nur zivilisierter als vorher.
    Er sah, im Vergleich zu vorher, so richtig brav aus, vor allem in den schwarzen Klamotten mit dem Logo.

    Bin hier gelandet, weil ich eigentlich auf der Suche nach einem Mitschnitt bin, den ich wohl nie finden werde.
    Habe leider schon so einiges nicht mehr im Gedächtnis und wurde von Deinem Post erst wieder daran erinnert — Danke!

    Beim Bund war ich zu der Zeit krank geschrieben und zu Hause habe ich erzählt, dass ich an dem Freitag zum Bundeswehrarzt muss und anschließend in der Kaserne übernachte.

    Der Tag (und die Übernachtung in Dortmund) hat fast meinen ganzen Sold für den Monat gefressen, aber das war es wert!

    Ich habe danach nie wieder eine Show gesehen, die mich so faziniert hat!

  2. Inga Hinnenkamp sagt:

    Für eine WDR 1live Plan B-Reportage (Hörfunk) suche ich Besucher dieses legendäre Konzertes, die Lust haben, mir ihre Erinnerungen ins Mikro zu erzählen. Schön wäre es, wenn diese Person in NRW leben würde. Ich freue mich über schnell Rückmeldungen an inga.hinnenkamp(at)fm.wdr.de.

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