|
Wir hatten keine Gewissensbisse 21.05.2006 Tagesspiegel |
|
|
Pink
Floyd begannen als Studienkollegen und trennten sich als Bombastrocker.
Ihr Schlagzeuger Nick Mason erinnert sich an eine schwierige
Freundschaft. Nick Mason, 62, ist der Schlagzeuger von Pink Floyd und begeisterter Rennfahrer. Die legendäre Band löste sich 1995 im Streit auf. Zehn Jahre später vereinigten sich die Mitglieder wieder für das Live-8-Konzert. Von Mason erschien kürzlich ein Buch zur Bandgeschichte: „Inside Out“ (Rockbuch). Mister Mason, Sie sind der Schlagzeuger einer der berühmtesten Bands der Welt, doch in Ihrem Büro hängt keine einzige goldene Schallplatte.
NICK MASON: Stimmt, an den Wänden in meinem Büro hängen dafür sehr viele
Bilder von Rennautos. Und ein echter Formel-1-Wagen steht hier ja auch.
NICK MASON: Diese Dinge bedeuten mir nicht so viel. Ich würde
wahrscheinlich ein paar Bücher schnappen, wenn ich dazu noch Zeit hätte,
und meinen Computer natürlich. Da sind alle meine Erinnerungen drin.
NICK MASON: Ja. Obwohl Freundschaft damals für uns etwas vollkommen anderes
bedeutete als heute. Wir studierten zusammen an der Polytechnischen
Hochschule in London Architektur. Die Rockmusik hat uns
zusammengebracht.
NICK MASON: Ja, aber nur so lange, bis es mit der Band richtig losging.
NICK
MASON: Wenn Sie so wollen. Ich glaube nicht, dass mich irgendjemand
anderes hätte überreden können, für eine Band alles aufzugeben. Ich
war einigermaßen zufrieden mit der Vorstellung, als Architekt zu
arbeiten. Natürlich war Musik interessanter, doch sie schien mir kein
sinnvoller Weg zu sein. Mit Roger zog ich allerdings ein schlechtes Los.
NICK MASON: Meine Eltern hofften natürlich, dass ich mit den besten
Studenten meines Jahrgangs zusammen sein würde. Stattdessen hing ich
mit diesem unengagierten Burschen herum. Nicht, dass er faul gewesen wäre.
Wenn er arbeitete, bekam er sehr gute Noten für seine Entwürfe. Es
fehlte ihm an Hingabe.
NICK MASON: Das war keine Frage des Temperaments. Roger strebte nach etwas
anderem. Er wollte ausbrechen, aber wusste nicht wie. So suchte er ständig
Ausflüchte, um bei Vorlesungen zu fehlen und die Seminararbeiten nicht
zu machen. Ich war da viel konservativer und hielt drei Jahre auf der
Universität durch.
NICK MASON: Überhaupt nicht. Wir wussten, wie wichtig es war, ein
Repertoire an eigenen Songs zu haben. Wir waren begeistert, dass wir
nicht nur einen Gitarristen, sondern einen Songwriter gefunden hatten.
NICK
MASON: Für einen Popsong mag das unüblich gewesen sein. Aber es
entsprach genau dem, was Roy Lichtenstein in seinen Gemälden machte.
Ich glaube sogar, Syd hatte es daher. Er zitierte Comic-Sprache, das
Lautmalerische der Batman-Dialoge, die sich in rudimentären „bang“-
und „pow“-Geräuschen austobten. Auch Syds Auffassung davon, wie ein
Gitarrensolo klingen sollte, war wegweisend. Noten interessierten ihn
nicht. Er vertiefte sich in Sounds.
NICK MASON: Ich wollte gar nicht. Man hat Pink Floyd oft als Teil der
psychedelischen Revolution wahrgenommen, aber bis auf Syd hatten wir
keine übersinnlichen Ambitionen. Wir wollten eine Rockband sein.
Kosmische Klänge waren ein Vehikel. Eine gute Idee, um noch mehr Songs
zu schreiben. Auch Syd hatte irdische Interessen. Songs wie „The
Gnome“ und „Bike“ sind sehr wehmütig und gehen auf Begegnungen
zurück, denen er nachtrauerte.
NICK MASON: Was wir bis heute nicht sicher wissen, ist, ob es das LSD war,
das ihn zerstört hat. Es liegt nahe, aber Beweise gibt es nicht. Die
Sache hat sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Und wir waren
sehr damit beschäftigt, zu verdrängen, dass seine zunehmenden
Aussetzer ein Problem darstellten. Wir dachten immer: Das wird schon
wieder. So hat sich das Ganze allmählich aufgebaut. Im Sommer 1967 war
nicht mehr zu übersehen, dass Syd ernste Probleme hatte.
NICK MASON: Wir waren mehr an der kommerziellen Verwertung unserer Musik
interessiert als daran, unser Bewusstsein zu erweitern.
NICK MASON: Damals sahen wir das nicht so. Heute besteht kein Zweifel, dass
der Arzt Recht hatte. Aber wir erkannten das nicht. Wir glaubten, der
Erfolg würde auch für ihn heilsam sein.
NICK MASON: Da haben Sie absolut Recht. Aber wir reden hier auch über sehr
motivierte Menschen, die mit sehr viel Geld umgehen und Verträge
einhalten mussten. Wir ärgerten uns furchtbar über Syd, weil er alles
kaputtzumachen schien, was wir aufzubauen versuchten. Die Drogenexzesse
und ständigen Ausfälle hatten uns abgestumpft. Wir waren frustriert,
weil wir nie vorhersehen konnten, was er als Nächstes anstellen würde.
Als wir dann eines Tages auf dem Weg zu ihm waren, um ihn abzuholen,
fragte jemand, ob wir nicht lieber direkt zum Probenraum fahren sollten.
Wir haben ihn einfach nicht mehr abgeholt.
NICK MASON: Nein, es ging nur mit ihm nicht mehr weiter. Von heute aus
betrachtet würde ich sagen, das Vernünftigste wäre gewesen, wenn wir
Syd ein halbes Jahr früher hätten gehen lassen. Wir haben ihn ja nie
aus der Band geschmissen. Spätestens im Mai 1968 war doch klar, dass
Syd etwas anderes für sich wollte. Wir hätten nur sagen müssen: Okay,
verzieh dich, mach, was immer dir Spaß macht!
NICK MASON: Wir hatten keine Gewissensbisse. Es war vielmehr so, dass Syd plötzlich
in den Apple Studios in London auftauchte, als die Platte beinahe fertig
war. Er tauchte vollkommen überraschend auf. Niemand hatte ihn
eingeladen oder ihm erzählt, dass wir eine neue Platte aufnahmen. Es
wusste ja auch keiner genau, wo er sich all die Jahre über aufgehalten
hatte. Aber da stand er dann. Ich erkannte ihn gar nicht. David Gilmore
musste mir seinen Namen sagen, so sehr hatte er sich äußerlich verändert.
Er war wie ein Geist unter uns geraten. Ich glaube nicht, dass es ohne
ihn eine Band wie Pink Floyd gegeben hätte. Er steuerte am Anfang so
viele Ideen bei, dass wir später auch ohne ihn weiterkamen. Klingt
paradox, nicht wahr?
NICK MASON: Syd hatte unsere Songs geschrieben, war unser Sänger, Frontman
und größtes Talent. Nachdem er uns verließ, liefen wir eine ganze
Weile dem Erfolg hinterher. Es dauerte einige Zeit, bis Roger eigene
Songs zu schreiben begann. Bis „Dark Side of the Moon“
funktionierten wir wie eine Demokratie, obwohl an Roger die meiste
Arbeit hängen blieb. Nach fünf Jahren war er so weit, ein Konzeptalbum
anzugehen.
NICK MASON: Weil ich mich nicht als Komponist hervortat, hatte ich es
leichter, mich dem Gang der Dinge anzupassen. Ich überließ mich oft
diesem eigenartigen kreativen Fluss innerhalb der Band. Bis heute gehört
mein Interesse mehr dem Produktionsprozess als dem Schlagzeugspielen. Es
wäre mir nie eingefallen, mit jemand anderem zu arbeiten, nicht einmal
mit Syd.
NICK MASON: Im Gegenteil. Es wurde immer einfacher. Wir waren an einen
klaren Plattenvertrag gebunden und konnten es uns leisten, viel Zeit im
Studio zu verbringen. Ich habe diese Periode als äußerst stabil in
Erinnerung. Auch, weil wir sehr gut organisiert waren. Die Gigantomanie
setzte erst später ein. Lange waren wir mit einem Ford Transit
unterwegs und zwei Leuten, die unsere Instrumente betreuten. Als wir ab
1975 in die Stadien gingen, mussten wir uns den Erwartungen von 80 000
Zuschauern anpassen.
NICK MASON: Das war keine Absicht. Aber wir haben uns auch nicht in den
Vordergrund gedrängt. Als Popstar bekommst du das, was du dir erhoffst,
meist sowieso nicht. Wir stellen uns ein Leben voller Luxus
erstrebenswert vor, weil Geld angeblich alle Probleme löst. Aber man
lebt in einem Teufelskreis. Egal, wie viele Menschen dir zujubeln und
wie viele ausverkaufte Konzerte du gibst, es ist nie genug. Du fühlst
dich trotzdem überflüssig und deprimiert.
NICK MASON: Ein bisschen. Aber wir wurden auch älter. Was früher nur eine
schöne Gelegenheit war, viel Zeit miteinander zu verbringen, wurde
harte Arbeit. Außerdem führte jeder von uns ein Privatleben. Wir gründeten
Familien, bekamen Kinder, die uns immer wichtiger wurden, und konnten
nicht mehr so unbefangen über alles reden, wie wir das als Studenten
getan hatten. Das ist, denke ich, der Preis der Professionalisierung.
Unabhängig davon hatten wir auch Meinungsverschiedenheiten. Manchmal
konnten wir uns im Studio nicht auf den Klang eines Songs einigen. Wir
haben verschiedene Fassungen erstellt und lange darüber gestritten,
welche wir nehmen sollten. Das war hart, aber kein Krieg. Es ist sogar
gut, wenn eine Unstimmigkeit dazu führt, einen Song noch besser zu
machen.
NICK MASON: Ich konnte zwischen den Parteien, Roger auf der einen Seite
sowie David und Rick auf der anderen, nicht vermitteln. Aber ich
begleitete die Auseinandersetzungen wohlwollend. Weshalb ich alle drei
bis heute als meine Freunde betrachte. Obwohl wir immer umständlich klären
mussten, wer wie viel zu einem Song beigetragen hatte und als Autor
genannt werden durfte, war uns doch allen bewusst, dass das Ergebnis größer
war als die Summe der einzelnen Teile.
NICK MASON: Roger und ich kommen aus linken Elternhäusern. Seine Mutter war
in der kommunistischen Partei gewesen, in die auch mein Vater, ein
Dokumentarfilmer, eingetreten war, um den Faschismus zu bekämpfen.
Roger hatte sich schon als Jugendlicher in Abrüstungskampagnen
engagiert. Viele seiner Überlegungen waren mir sympathisch. Seine
Abrechnung mit der Thatcher-Regierung in „The Final Cut“ entsprach
vollkommen dem, was ich dachte.
NICK MASON: Wir waren zu schwach. David hat Roger vorgeworfen, diese Schwäche
bewusst auszunutzen. Denn David brauchte sehr lange, um einen Song zu
schreiben. Roger nicht. Er ging viel zielstrebiger vor und bestand
darauf, dass wir uns beeilten. David sah nicht ein, warum er sich
beeilen sollte. Roger hingegen glaubte, es werde Jahre dauern, bevor
David endlich fertig sei. Sehen sie, wir kamen nicht weiter. Es ist unmöglich,
zu sagen, wer Recht und wer Unrecht hatte. Roger strebte eigentlich eine
Solokarriere an, wagte aber nicht, den entscheidenden Schritt zu tun.
NICK MASON: Die Verbindung zu Roger brach ab, als er uns verbieten wollte,
unter dem Namen Pink Floyd weiterzumachen. Er wollte, dass die Band
nicht mehr existierte, nachdem er sie abgeschrieben hatte. Darüber gab
es Streit. Wir anderen fanden, dass man die Band nicht verlassen könne
– und den Namen mitnehmen. Wir sprachen lange nicht miteinander. Aber
als wir uns zufällig auf einer Karibik-Insel über den Weg liefen und
wieder wie Freunde miteinander redeten, war das für mich ein ungemein
wichtiger Schritt.
NICK
MASON: Überhaupt nicht. Ich war zwar begeistert, dass es möglich
wurde, David, Roger und Rick wieder zusammenzubringen, und wir gingen
auch recht pfleglich miteinander um, aber wir hatten enorme
Schwierigkeiten zu überwinden. Es war eine großartige Geste.
NICK MASON: Richtig: neutraler Boden. Wir haben kein Büro mit einem großen
Versammlungsraum. Und das Problem mit Restaurants ist, dass man viel zu
sehr mit Essen beschäftigt ist.
NICK MASON: Nein. Das hatte aber auch mit Freundschaft nichts zu tun. Mit
jemandem befreundet zu sein, ist eine verworrene Sache. Mit manchen
Leuten war ich nur kurz befreundet, mit anderen verbindet mich eine
lebenslange Sympathie, die deshalb keineswegs weniger intensiv ist. Wenn
man heiratet, schließt man auch einen Vertrag. NICK MASON: Das hält sich ungefähr die Waage, was Schmerz, Zorn, Enttäuschung betrifft. Es geht weniger um Sex, aber dafür um mehr Geld. Info: Marcus Riggier |
|