Wir sind Kinder unserer Eltern.

Leipziger Volkszeitung 18.04.2007

Mittwochs in Leipzigs Arena: Ex-Pink Floyd Roger Waters über seine Musik, die Welt und die Zeit. 

„Money“ oder „Another Brick In The Wall“ – viele Pink-Floyd-Hits stammen von Roger Waters (63). Seit Bandgründung 1965 war er kreativer Kopf und Seele der britischen Psychedelicrocker, die er 1983 im Streit verließ. Seither punktet er mit konsequenten Soloalben („Amused To Death“), inszenierte 1990 in Berlin das The-Wall-Spektakel. Seit 2000 tourt er mit großer Show. Am Mittwoch gastiert er, von dieser Zeitung präsentiert, mit dem „The Dark Side Of The Moon“-Album in Leipzig. Für Ingolf Rosendahl ging der Bassist und Sänger ans Telefon …

Vor Ihrem Konzert in Leipzig haben Sie einen Tag frei. Wo verbringen Sie den?

ROGER WATERS: Keine Ahnung. Ich gucke nie in die Planung. Ich fahre einfach zu dem Ort, der als nächster dran ist und erledige meinen Job.

Sicher nicht des Geldes wegen: Aber warum sind Sie auf Tour? Für die Fans oder für sich selbst?

ROGER WATERS: Für all dies. Wenn mich niemand bezahlen würde, wäre ich aber auch nicht hier. Ich habe im Vorjahr ein paar Konzerte gegeben, und die habe ich genossen, die neue Verbindung zu den Fans meiner Musik. Mein Publikum hat sich durch Live8 und den Pink-Floyd- Auftritt dabei verändert. Als mir Konzerte in diesem Jahr vorgeschlagen wurden, habe ich zugesagt. Nach dem großartigen Start in Australien hatten wir eine tolle Zeit in Asien. Jetzt war der erste Gig in Europa. Die Stimmung ist etwas Besonderes. Ich bin froh, auf Tour zu sein.

Sie spielen das komplette „The Dark Side Of The Moon“-Album. Wann haben Sie realisiert, dass Sie damit mehr als nur Rockmusik geschaffen haben?

ROGER WATERS: Ich habe immer sehr ernst genommen, was wir taten. Wir hielten es aber nicht für große Kunst. Rockmusik ist angeblich eine oberflächliche Sache. Niemand erwartet, dass etwas davon Bestand hat. Das Überraschende an „The Dark Side“ und anderen Arbeiten ist aber, dass sie weiter eine starke emotionale Verbindung zum Publikum erzeugen. 35 Jahre später sind die Songs immer noch relevant.

Es muss befriedigend sein, Autor von Texten zu sein, die Bestand haben …

ROGER WATERS: Sehr sogar. Nehmen Sie „Us And Them“, das ich gemeinsam mit Rick Wright geschrieben habe: Wenn wir auf der Bühne stehen und zum Refrain kommen, recken die Leute ihre Fäuste in die Luft. Da sehe ich diese starke Verbindung, die gerade junge Leute zu Texten über die Sinnlosigkeit des Krieges haben. Es ist vielleicht eine einfache Idee, nahe liegend – aber letztlich wahr. Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass das Versagen der menschlichen Art, den Kuchen angemessen aufzuteilen, die Ursache dafür ist, dass wir unsere Zeit damit verschwenden, uns gegenseitig umzubringen. Ich glaube aber, dass menschliche Zuneigung und Einfühlungsvermögen auf dem Vormarsch sind, auch wenn man anderes beobachten kann. Sie haben – wie wir in Großbritannien – Probleme mit Neonazis in Leipzig. In Ihrem Teil Deutschlands habe ich zwar noch nicht viel Zeit verbracht, aber ich lese Zeitung. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Neonazis Boden gutmachen – zum Glück. Sie sind eine kleine Minderheit, und das auch nur, weil die Gesetze der westlichen Welt das zulassen.

Aber: Wie konnte ein junger Mann schon so weise sein? Erinnern Sie sich der Atmosphäre, Ihrer Gedanken und daran, was Sie damals beim Schreiben inspiriert hat?

ROGER WATERS: Natürlich, weil sich meine politische Einstellung nicht verändert hat. Wir sind Kinder unserer Eltern. Mein Vater war gläubiger Christ, links, Mitglied der Kommunistischen Partei, bevor er im Zweiten Weltkrieg in Italien fiel. Meine Mutter entstammt einer religiösen Familie, ebenso links gerichtet. Sie ist eben 94 Jahre alt geworden, aber immer noch von einer solchen Menschlichkeit, dass sie als langjährige Lehrerin jede Woche in Cambridge Kindern mit Leseschwäche hilft. All das hat mich stark beeinflusst.

Ihr Erfolg hat Sie wider Willen vom Sozialisten zum Kapitalisten gemacht. Wie kommen Sie damit klar?

ROGER WATERS: So ist es. Aber es ist einfach, damit umzugehen. Wenn man ein Habenichts ist, hängt man sozialistischen Idealen nach. Macht man dann plötzlich Geld, muss man sich entscheiden. Entweder, man gibt alles den Armen und bleibt selbst einer. Oder man findet einen Mittelweg, behält etwas für sich und spendet. Ein Teil meines Einkommens fließt in eine gemeinnützige Stiftung. Eine Minderheit im Westen kontrolliert den Großteil des Reichtums. Das müsste nicht sein, selbst wenn ich ein kleineres Auto fahren müsste.

Pink-Floyd-Drummer Nick Mason schreibt in seinem Buch „Inside Out“, Sie wären mit „The Final Cut“ unzufrieden. Wieso das?

ROGER WATERS: Er hat schrecklich viele Dinge aufgeschrieben … Ich habe kein Problem mit ihm, und jeder hat nun mal seine Auffassungen und Erinnerungen. Musikalisch stören mich an dem Album tatsächlich einige Dinge, die Dynamik der Percussions in „Your Possible Pasts“ etwa. Heute würde ich der Aufnahme eine eher dylaneske Note geben, den Zuhörer mehr einladen, dem Text zu folgen. Aber anders als David Gilmour finde ich die Arbeit ausdrucksstark, politisch wie musikalisch.

Sie nutzen neueste Technologien. Gefährdet das nicht die Kreativität?

ROGER WATERS: Glaube ich nicht. Technologie spielt für die Musik keine Rolle.

„Atom Heart Mother“ klingt nicht so perfekt, wie es heute möglich wäre. Keine Lust auf eine Neuaufnahme?

ROGER WATERS: Nein, das wäre unpassend.

Ihrer Revolutions-Oper „Ca Ira“ soll 2007 ein neues Album folgen. Können Sie schon was verraten?

ROGER WATERS: Das wäre noch zu früh.

Gibt es nach Live8 eine Chance auf weitere gemeinsame Pink-Floyd-Gigs?

ROGER WATERS: Da müssen Sie David Gilmour fragen. Er ist Pink Floyd, ich habe damit nichts mehr zu tun.

Aber Sie haben ihn wegen des Auftritts bei Live8 angerufen?

ROGER WATERS: So war es.

War es je ein Traum, Teil von Pink Floyd zu sein oder nur Realität?

ROGER WATERS: Ein Job. Als ich mit Nick Mason, Syd Barrett und Rick Wright zusammengearbeitet habe, nannten wir uns Pink Floyd. Als Syd Barrett dann abdrehte und David einstieg, hießen wir weiter so. Und als ich ausstieg, nannten sie sich selbst Pink Floyd. Das ist keine Träumerei – nur Realität.

Eine Zeitmaschine vorausgesetzt: An welchen Punkt Ihrer Karriere würden Sie springen – 1973?

ROGER WATERS: Ich bin lieber im Hier und Heute als in der Vergangenheit.

Ende

Info: H.-Joachim Lingelbach

 

Links:

Waters Leipzig Konzert

Back to the Top