DAVID GILMOUR : DER KÄPT'N SETZT DIE SEGEL.

16.05.2006: Autsch! Natürlich hatte Gilmour die Feierlaune ob des historischen Auftritts eh schon gedämpft, als er sagte, es sei gewesen, „wie wenn man mit seiner Exfrau schläft“. Ich hake nach. „Es war seltsam und unbehaglich. Viele Spannungen bei den Proben. Roger verkniff sich so manches, was er sagen wollte. Und ich sah mich gezwungen, manches zu sagen, was ich vorher nicht für nötig gehalten hätte.“ Zum Beispiel? „Ach, ich weiß nicht, ob sich das Thema lohnt... Die Songs, die Roger spielen wollte, waren halt nicht dieselben, die ich für wichtig hielt. Die Arrangements waren anders, als Roger sie sich vorstellte. Ich bestand sowohl auf der Setlist als auch auf den Arrangements, und Roger sagte später, er hätte ‚Platz gemacht‘ und mir diese Entscheidungen überlassen.“ Mit einem Grinsen, das Selbstironie signalisieren soll, aber beileibe keine ist, fügt er hinzu: „Es waren die richtigen Entscheidungen.“

Ein Detail: Waters wollte „Another Brick In The Wall“ spielen. Gilmour hielt einen Song mit der zentralen Aussage „We don‘t need no education“ bei einem Wohltätigkeits-Event für fehl am Platz. „Außerdem mag ich den Song eh nicht besonders. Er ist okay. Aber er gehört nicht zum großen... wie soll ich sagen... emotionalen Oeuvre.“ Hinterher, so Gilmour, „dachte ich: Gott, das waren jetzt drei Tage im Proberaum. Die Vorstellung, sowas in den sechs oder zwölf Monaten, die ein Album braucht, jeden Tag durchzustehen – vergiss es! Roger sagte später, er würde nach diesem Gig nicht mehr so einfach nachgeben, und das glaube ich ihm. Ich bin zwar ein bisschen toleranter geworden, aber Menschen ändern sich nicht wirklich, und wenn wir weiter zusammenarbeiten würden, dann käme ich sicher wieder so drauf wie früher – und es gäbe wieder Streit.“

"Live 8 war super, ein toller Augenblick. Aber es war auch ein Abschluss, weil es immer noch gärte. Es gibt keine Zukunft für Pink Floyd.

DAVID GILMOUR 

Gilmour winkt ab, als ginge es um Unwichtiges. „Verschwenden wir nicht zu viel Zeit auf ihn. Was mich betrifft, ist er vor über 20 Jahren ausgestiegen, und wir haben ohne ihn weitergemacht. Für mich gehört er zur Vergangenheit. Für Sie offenbar nicht, wie ich merke.“ Er seufzt. „Zugegeben, es war ein toller Moment, einiges von dem alten... von den schlechten Sachen aus dem Weg zu räumen. Durchzulüften. Weil das die Sache abschließt. Weil es immer noch gärte. Aber aufräumen heißt ja nicht, dass man es hinterher wiederholt. Das würde kaum zu meinem persönlichen Glück beitragen, und ich bin nun mal in einem Alter, wo ich in solchen Dingen ungeniert egoistisch sein darf. Live 8 war super, aber es war auch ein Abschluss. Es gibt keine Zukunft für Pink Floyd.“

Nick Mason: Weniger bekannt, vermutlich aber ähnlich bedeutsam ist Gilmours kaum dokumentiertes Zerwürfnis mit Mason in den 90ern. Wir werden wohl nie Details erfahren – die Familie Floyd ist diskret –, jedenfalls war Masons 2003 erschienene Floyd-Biografie „Inside Out“ schon Mitte der 90er zur Veröffentlichung vorgesehen. „Irgend so ein Typ fotografierte auf der ‚Division Bell‘-Tour, ohne dass ich davon wusste. Dann wurde das Buch quasi als offizielle Story der Band beworben, und dagegen hab ich protestiert.“ Milde ausgedrückt. Angeblich wurden bereits gedruckte Exemplare eingestampft. Man gewinnt den Eindruck, dass dieser ostentativ relaxte Gilmour problemlos schon vorm Frühstück ein paar Floyd-Projekte zermalmt. Und was hält Gilmour nun von dem Buch? „Es ist recht unterhaltsam“, sagt er vorsichtig. „Aber die künstlerischen Leistungen werden ziemlich beschönigt, von daher finde ich das Buch etwas leichtgewichtig, ein bisschen platt.“

Deutlicher wird Gilmour nicht, wenn er etwas hasst. Man merkt trotzdem, dass er sich über das Buch wirklich aufgeregt hat. Und obwohl gerade Mason sich am meisten über eine Reunion freuen würde, spielt er weder auf „On An Island“ noch auf Gilmours Tour. Käme Mason mit, es wäre – auch ohne Waters – die Floyd-Tour, die sich alle ersehnen. Bob „Rado“ Klose: Der erste Gitarrist von Leonard‘s Lodgers und Pink Floyd (neben Syd Barrett), spielte auf ihrem ersten Demo („I‘m A King Bee“/„Lucy Leave“). „Ich kenne Rado buchstäblich seit meiner Geburt.“ Gilmours Bruder Peter lebte bei den Kloses, als die Gilmour-Eltern für ein Jahr nach Amerika gingen, und Gilmour betrachtet ihr Haus als zweites Zuhause. „Rado brachte mir viel auf der Gitarre bei – er ist ein paar Jahre älter, und er war verdammt gut.“ Und da Klose ein versierter Jazzer ist, dachte Gilmour, „Rado passt bestens“ für eine jazzige Nummer, die er geschrieben hatte. Am Schluss schaffte es dieser Track nicht aufs Album, aber da Klose schon mal auf dem Boot war, spielte er gleich einige Parts für den Titeltrack und „The Blue“.

Syd Barrett: Gilmour hat sich immer großzügig für den Mann eingesetzt, dessen Platz er einnahm (was ihm einige Floyd-Fans nie verziehen). Seine Freundschaft mit Barrett reicht bis zum College in Cambridge zurück. In der Mittagspause tauschten sie Stones-Riffs aus, 1965 tingelten sie als Straßenmusikanten durch Südfrankreich. Später produzierte Gilmour beide Soloalben von Barrett.
Bei all den Besuchern aus der Vergangenheit – hat Gilmour je überlegt, auch seinen alten Freund Syd zu fragen? „Nein, ich lasse Syd in Ruhe, ich respektiere den Wunsch seiner Familie.“ Er hält inne und wirkt das einzige Mal wirklich traurig. „Ich würde ihn wahnsinnig gern mal wieder sehen, und vielleicht mach ich das demnächst auch – bevor es zu spät ist.“ Das letzte Mal hat er ihn 1975 bei den Aufnahmen zu „Wish You Were Here“ gesehen – eine berühmt gewordene Szene. „In meiner Erinnerung lief da dieser Typ rum, und zuerst erkannte ihn keiner von uns. Ich erkannte ihn zuerst. Er hatte eine Glatze und war ziemlich dick geworden. Ich sprach aber kaum mit ihm. Ich müsste lügen, wenn ich jetzt sagen würde, ich wär nach Haus gegangen und hätte geheult. Mich hatte eher sein Zustand lange vorher aufgewühlt. Aber ich denke ziemlich oft an ihn. Und immer wenn ich ‚Shine On You Crazy Diamond‘ singe, ist er mir total präsent.“

Crosby und Nash: Gilmour war immer schon Westcoast-Fan – die kalifornischen Gesangssätze haben auch den klassischen 70er-Jahre-Sound von Pink Floyd be-einflusst.„Mehrstimmig mochte ich immer“, nickt er. „Ich kannte Graham flüchtig, weil die Hollies auch immer im Abbey Road aufnahmen. Ich weiß noch, wie wir bei der „Atom Heart Mother“-Tour in New Orleans abhingen und nichts zu tun hatten, weil unser Equipment gestohlen worden war. Wir saßen in diesem herrlichen Hotel, dem Royal Orleans, und hörten das erste Album von Crosby Stills & Nash.“ Und nachdem er sich mit Nash seit Jahren gut versteht, kam Gilmour bei einem Auftritt von Crosby & Nash vorbei, fragte, ob sie singen würden, „zerrte sie aufs Boot“ – und heraus kam „The Blue“, ein wundersames Gemisch aus Floyd und CS&N.

Rick Wright: „Rick? Mit Rick komm ich inzwischen prächtig aus“, sagt Gilmour in dem Ulk-Ton, den er immer anschlägt, wenn er etwas über seinen langjährigen Kollegen sagt. Sie waren immer die beiden Musiker – statt: Architekten – in der Band, von daher ist ihre Zusammenarbeit der Kern von Pink Floyd, auch wenn Wright 1979 von Waters gefeuert wurde. „Rick hat schon ein paar Macken“, sagt Gilmour, „er kann ein ziemlicher Miesepeter sein, aber wir kommen klar.“
Später fragt Gilmours PR-Frau, ob man Wright in dem Pressetext nennen könne, der die Besetzung der Tourband ankündigt. „Er hat Eheprobleme, deshalb schwankt er noch“, sagt Gilmour. Und dann bringt er sein Verhältnis zu dem Mann, der einst als nächster Floyd-Chef nach Syd Barrett ausgerufen wurde, auf den Punkt und winkt mit königlicher Geste ab: „Ach was, schreib ihn drauf.“
Gilmour schüttelt den Kopf und lächelt in sich hinein.

Polly Samson: Früher Journalistin bei der „Sunday Times“, Romanautorin, Gilmours Texterin seit 1992, Frau seit 1994 und Mutter seiner drei jüngsten Kinder. Obwohl er während des Gesprächs immer wieder bekennt, er könne seine Gedanken nicht gut formulieren, ist Gilmour in Wahrheit doch sehr redegewandt, wenngleich er seine Worte gern mit Bedacht wählt und deshalb oft unergründlich wirkt. „Vielleicht... manchmal... nein“, gehört zu seinen Lieblingsformulierungen. Sicher ein Grund, warum er es – ganz anders als der rückhaltlos impulsive (und entsprechend Prügel gewohnte) Waters – nie leicht hatte, sich in Songtexten auszudrücken. „Kein großes Selbstvertrauen, nein. Manchmal... ich wäre sehr glücklich, wenn dieser spezielle Besuch öfter vorbeikäme“, sagt er. „Aber irgendwie ist es umso flüchtiger, je härter ich daran arbeite. Aber das ist schon okay – ich hatte mit Roger einen guten Texter, und meine beste Arbeitspartnerschaft hab ich jetzt, mit meiner Frau Polly.“
An einem typischen Tag sitzen die beiden in ihrem Bauernhaus in Sussex und reden über Texte, während die Kinder zur Schule sind, und machen sich nochmal dran, wenn die Kinder im Bett liegen.

Und die Kritik von Roger Waters, es hätte was von Spinal Tap, wenn „die Gattin“ Texte liefern darf? „Ich finde, als veröffentlichte Romanautorin ist sie mindestens so qualifiziert wie jeder andere. Rogers einzige Qualifikation ist seine Erfahrung, von daher ist er da doch etwas gemein. Ich frag mich, warum er über die arme Polly herziehen muss. Vielleicht doch ein bisschen neidisch?“ Seine acht Kinder: Die Menschen, die Gilmours Karriere am stärksten beeinflussen, sind wohl seine Kinder. Er hatte mit seiner ersten Frau vier, die inzwischen alle über 20 sind, und inzwischen kam eine neue Familie dazu: Romany (3), Gabriel (8), Joe (10) und der adoptierte, 16jährige Charlie. „Meine Kinder großzuziehen hat inzwischen Priorität – und ihre Jugend nicht zu verpassen“, sagt er. „Das ist bei meinen ersten Kindern passiert – unvermeidlich, wenn man ehrgeizig ist und den Erfolg will, aber ich versuche jetzt ein aktiverer Vater zu sein.“

Das wirkt sich direkt aufs Musikmachen aus. Manchmal vergehen Monate, gar Jahre, ohne dass er die Astoria betritt. „Ich hab‘s nicht mehr so eilig. Ich wollte dieses Album machen und will jetzt die Konzerte spielen, aber dann will ich zurück zu meiner Familie und sehen, wie meine Kinder größer werden.“ 

Info: Björn Gam

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