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16.02.2006: Ein
sehr interessantes Interview von Roger Waters gibt es in
der heutigen "Die
Zeit" zu lesen. Waters Aussagen bezüglich der Religionen
sind eine Wohltat angesichts der Fundamentalisten die uns umgeben.
Foto © Uli Weber
DIE
ZEIT 16.02.2006 Nr.8
Roger Waters, 62, war Gründungsmitglied der britischen Rockgruppe Pink Floyd. Zu ihren größten Erfolgen gehören die Alben »The Wall« und »Dark Side Of The Moon«. 1983 verließ Roger Waters die Band im Streit und begann eine Solokarriere. Nach fast 25 Jahren trat er im vergangenen Juli beim Live-8-Konzert in London zum ersten Mal wieder gemeinsam mit Pink Floyd auf. Kurz darauf stellte er sein neuestes Werk vor: »Ça Ira«, eine Oper über die Französische Revolution. Roger Waters träumt von einer Welt ohne Religionen
Ich träume von einer Welt ohne Religionen. Die Idee des Glaubens hat das menschliche Leben durcheinander gebracht. Wenn wenigstens klar wäre, dass es Gott gibt, dann wäre es prima, wenn er sich zeigen würde. Dann könnte man klären, was man voneinander erwartet, und eine rationale Beziehung führen. Aber diese Unsicherheit – Existiert Gott? Existiert Gott nicht? – hindert uns daran, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie hindert uns, zu akzeptieren, dass sich jedes Individuum selbst mühen muss, seine Lebensumstände zu verbessern.
Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott. Was in der Bibel steht, ist mir fremd. Ich war noch nie in einer Situation, in der ich nicht weiterwusste und mich an eine höhere Macht gewandt habe. Aber ich gebe zu: Es scheint im menschlichen Wesen zu liegen, sich einer religiösen Gruppe anzuschließen. Wir haben aller modernen Entwicklung zum Trotz eine Dorfmentalität wie in primitiven Zeiten. Damals gab es einen Schamanen, der behauptete, alles besser zu wissen als der Rest der Bevölkerung. Die Leute glaubten ihm, weil sie seine Behauptungen nicht empirisch prüfen konnten. Und wenn die Schamanen Macht anhäuften, wuchsen sie zu Gruppen und Organisationen – und dann wurde es blutig. Im Namen der christlichen Kirche wurde so viel Blut vergossen, dass ich sie nicht mehr ernst nehmen kann.
Vielleicht werde ich auf dem Sterbebett religiös, aber das kann ruhig noch ein bisschen dauern. Ich sehe etwas Göttliches eher in der Wissenschaft, mathematische Regeln habe eine göttliche Schönheit. Vielleicht sollte man doch den Wissenschaftlern die Welt überlassen. Ich denke, eine Regierung, die nur aus Wissenschaftlern bestünde, würde sich von empirischen Fakten leiten lassen.
Als Erstes müsste sie das größte Problem der Menschheit lösen: die Umverteilung des Reichtums. Sie müsste uns, die Reichen, davon überzeugen, unser Geld und unser Wissen mit den Armen zu teilen. Dann könnten wir gemeinsam eine Welt der Gleichberechtigung schaffen. Davon sind wir heute weiter denn je entfernt. Kurz nach der Französischen Revolution und der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika Ende des 18. Jahrhunderts schien es, als ob sich die Lücke zwischen Arm und Reich schließen würde. Die französische Menschenrechtserklärung und die amerikanische Verfassung stellten fest, dass alle Menschen gleich seien. Das war damals revolutionär: zu entdecken, dass alle Menschen Rechte haben, und das auch noch aufzuschreiben. Das war der erste Schritt weg vom Höhlenmenschen. Leider ist der Abstand seit dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgerissen. In Amerika muss jeder selbst sehen, wie er zurechtkommt, es gilt das Recht des Stärkeren. Die Amerikaner scheinen das akzeptiert zu haben. Belohnt wird, wer viel anhäuft und nichts abgibt. Diese Ideologie – und hier sind wir wieder bei der Religion – wird von Bush und der christlichen Rechten forciert. Ihnen geht es nur darum, Kontrolle zu gewinnen und mehr und mehr Reichtum anzuhäufen – während alle anderen Länder immer weniger besitzen.
Ich beobachte das in ähnlicher Form auch in England. Ich wollte sowieso nach Amerika ziehen, um meinem Sohn nahe zu sein. Das Verbot der traditionellen Fuchsjagd voriges Jahr hat mich endgültig dazu gebracht, mein Geburtsland zu verlassen. Was für eine schreckliche Attacke auf fleißige, vorbildliche Leute. Die Landbevölkerung verkörpert das Herz Englands. Ich habe zwar selbst nie aktiv an der Fuchsjagd teilgenommen. Als Kind bin ich oft zu Fuß mitgegangen – und mein Faible für die Jagd ist bis heute geblieben. Ich bin gelegentlich mit der Flinte zur Vogeljagd unterwegs, und ich liebe Fliegenfischen. Was die traditionelle Fuchsjagd angeht, da erinnere ich mich an Boxing Day, dem zweiten Weihnachtstag, bei meinen Großeltern. Jedes Jahr versammelten sich zwanzig, dreißig Reiter am Rathausplatz in einem kleinen Ort in der südenglischen Grafschaft Surrey. Man stand zusammen, trank etwas Portwein zum Aufwärmen, die Hunde waren schon ungeduldig. Dann stiegen die Reiter in den Sattel, und die Hunde wurden losgelassen. Die gesunden Füchse kamen davon, und die Schwachen wurden sofort totgebissen. Da litt niemand. Fuchsjagd ist eine vernünftige Art, die Population zu kontrollieren. Getötet werden müssen die Tiere sowieso. Aber Tony Blair und die Stadtleute werden das niemals verstehen.
Ich kann Blair nicht so weit trauen, wie ich spucken kann. Als Junge wollte er ein Rockstar werden, oder? Da sehen wir, was aus ihm geworden ist: eine Mischung aus Maggie Thatcher und Dschingis Khan. Er ist ein Kriegstreiber. Er behauptet immer noch, dass Bush und er richtig gehandelt hätten im Irak – trotz allem, was seitdem passiert ist. Der Irak-Krieg als Kampf gegen den Terrorismus? Dass ich nicht lache. Ohne diesen Krieg hätte es keine Anschläge auf die Londoner U-Bahn gegeben. Als ich die Berichte im Fernsehen gesehen habe, taten mir die Familien leid. Und ich dachte: Blair, du bist ein Idiot. Warum hast du diesen Krieg angezettelt?
Immerhin hat er den Schuldenerlass für Afrika vorangetrieben. Wenn Blair progressive Politik macht, habe ich kein Problem, das zu unterstützen. Und das war sicher ein Grund, warum ich im vorigen Sommer bei Live 8 im Hydepark mitgemacht habe. Ich bewundere Bob Geldof und Bono von U2 dafür, wie sie das Bewusstsein für Afrika geschärft haben, auch wenn ihr Gejammer gelegentlich schwer zu ertragen ist. Aber es hat sich gelohnt: Vor ein paar Jahren hat sich doch die Öffentlichkeit kein bisschen für Afrika interessiert. Das hat sich durch die Live-8-Konzerte rund um die Welt geändert.
Ich hatte noch einen anderen Antrieb, bei Live8 mitzumachen. Es war für mich eine Art Test, ob es mir gelingt, mein Ego zu überwinden. Die alten Geschichten ruhen zu lassen. Wir, also Pink Floyd, haben starke Reaktionen auf unseren Auftritt bekommen. Es war ein magischer Moment, wieder mit Nick Mason, Rick Wright und David Gilmour auf der Bühne zu stehen. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich es so genießen würde.
Ich glaube, wenn man sein eigenes Ende des Knochens loslässt, dann gewinnt man große Freiheit. Eine der wichtigsten Fragen des Lebens ist doch: Bin ich mutig genug, mich selbst verletzlich zu machen? Mich jemandem zu öffnen und eine Verbindung zu schaffen, an deren Ende Liebe steht? Dieses Öffnen, Verletzlichmachen ist für mich der Sinn des Lebens. Und dafür brauchen wir keine Götter.
Aufgezeichnet von Sabine Rennefanz
© DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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