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Ich sehe mich als gitarrespielender Familienmensch. |
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Interview von Micheal Loesl für DIE WELT. 15.09.2007: David Gilmour, Kapitän von Pink Floyd, über Familie, Moral und das Glück, endlich Solist zu sein. "Ich sehe mich als gitarrespielender Familienmensch" DIE WELT: Mr. Gilmour, wollen wir den unangenehmen Teil dieses Interviews direkt hinter uns bringen? DAVID GILMOUR: Müssen wir wirklich über Pink Floyd reden? Welt: Daran kommen wir wohl nicht vorbei. DAVID GILMOUR: Die Band ist eine schwere Bürde, die ich ohnehin eher unfreiwillig ständig mit mir herumtragen muss. Meine Solo-Karriere ist ein viel erfreulicheres und befriedigendes Gesprächsthema. WELT: Dann verkünden Sie doch jetzt bitte, um uns alle besser schlafen zu lassen und um die ewigen Spekulationen aus dem Weg zu räumen, das Ende von Pink Floyd. DAVID GILMOUR: Oh! Wie kann ich darauf antworten? Ich kann nicht soweit gehen und das Ende verkünden. WELT: Warum nicht? DAVID GILMOUR: Es gibt rechtliche Gründe dafür, warum es ungeschickt von mir wäre, so etwas zu sagen. Ich weiß, wie schwammig das klingt, aber ich kann mich aus besagten Gründen nicht expliziter dazu äußern. Was ich mitteilen kann ist, dass die Aussichten auf eine Reunion von Pink Floyd wirklich extrem gering sind, abgesehen vielleicht von einmaligen, wichtigen Anlässen, wie Live 8 einer war. Der Gedanke an ein Wiederbeleben von Pink Floyd bereitet mir kein gutes Gefühl, und in meinem Alter hat man eher das Verlangen nach komfortablen Gemütszuständen. WELT: Warum haben Sie fast 40 Karrierejahre gebraucht, um zur Einsicht zu gelangen, dass Musik am Besten dem reinen Lustdiktat folgt? DAVID GILMOUR: Ich habe keine gute Antwort auf Ihre Frage, abgesehen vom Scheuklappendenken, das man als junger, nach Erfolg strebender Musiker hat, der alles negiert außer Ambitionen. Wenn man, wie ich, eine zweite Karrierechance hat, relativiert sich vieles. Die vergangenen Jahre waren die Erfülltesten meines Lebens, weil ich wieder geheiratet habe und vier jungen Kindern ein Vater sein darf. WELT: Das klingt im Showbiz-Kontext zwar verdächtig langweilig, scheint sich bei Ihnen aber in revitalisierter Liebe zur Musik wiederzuspiegeln. DAVID GILMOUR: So ist es. Ich muss niemanden mehr etwas beweisen, lege keinen Wert mehr auf extensive Tourneen und sehe mich in erster Linie als gitarrespielender Familienmensch. Mich erfreuen mittlerweile die simplen Dinge des Lebens. Ich habe eingesehen, dass unsere Emotionen die nachhaltigsten Special-Effects im Leben jedes Individuums sind. Diese effektive Simplizität schlägt sich auch in meiner Musik als Solo-Künstler nieder. WELT: Mit anderen Worten: Sie standen sich als Kopf der Inkasso-Gesellschaft, die Pink Floyd während der letzten beiden Tourneen mit unmäßiger Monstrosität war, selbst im Weg? DAVID GILMOUR: So würde ich das nicht sagen, obschon Ihre Frage möglicherweise ein Quäntchen Wahrheit enthält. Diese Tourneen mit Pink Floyd dienten nicht zuletzt dazu, uns als Band und dem Publikum zu beweißen, wie gut man weiter existieren kann, wenn ein Musiker die Band für Solo-Exkursionen verlässt. Darunter hat aber unsere Musik meiner Meinung nach nie gelitten. WELT: Aber das spontane Engagieren eines Straßenmusikers, der mittels dem Antippen von Weingläsern für Sie auf der Bühne das Intro zu "Shine On You Crazy Diamond" spielt, wie es Ihre neue DVD eindrucksvoll zeigt, wäre doch im Pink Floyd-Kontext nicht möglich gewesen. DAVID GILMOUR: Genauso wenig wie das spontane Spielen von Songs, die ich nicht im Vorfeld minutiös eingeübt hatte. Jetzt, als Solist, erlaube ich mir die Freiheit, all das, was für mich ganz essenziell zu meinem Musikerleben gehört, zu tun. Und kein noch so hohes Millionen-Angebot wird mir diese Freiheit nehmen. Ich glaube an die Evolution, was für mich ausschließt, den gleichen Fehler zweimal zu begehen. WELT: Gehört dazu auch Ihr Kokain-Konsum? DAVID GILMOUR: Ich bereue es, das Zeug jemals genommen zu haben, aber ich will die Phase meines Lebens auch nicht unnötig überbewerten. Ob es nun Marihuana, Alkohol, oder Kokain ist - junge Leute experimentieren mit solchen Substanzen, wenn sie greifbar sind. WELT: Definieren Sie bitte jung. DAVID GILMOUR: Ich meine das Alter, in dem ich anfing, solche Dinge zu nehmen. Ich war, im Vergleich zu anderen Leuten, zwar ein Kokain-Amateur. Aber ich habe genügend Erfahrungen um feststellen zu können, dass Kokain eine hinterhältige Droge ist. Man verliert wegen ihr seine moralischen Stärken. Die Wahrnehmung wird eingeengt, was die Konzentration auf die Ambitionen verstärkt. WELT: In dem Zusammenhang kann man von Ihrem aktuellen Album "On An Island", auf dem auch Ihre neue Live-DVD basiert, von einer Rotwein-Platte sprechen, wohingegen "The Wall" eher wie ein Kokain-Nebenprodukt wirkte. DAVID GILMOUR: Ich verstehe wegen der ganzen Paranoia in "The Wall" was Sie meinen. Aber Sie müssten Roger Waters fragen, welche Dämonen in seinem Kopf ihn dazu brachten, die "Wall"-Geschichte zu schreiben. Meine Beiträge zu der Platte waren aber nicht kokaingeschwängert, obwohl meine Gitarrensoli, gemessen an der Pink Floyd-Historie, auf diesem Album schneller und wütender als zuvor und danach waren. WELT: Und so ausdrucks- und attitüdenstark, dass man den anschließenden Ego-Krieg zwischen Ihnen und Waters gar nicht recht glauben mochte. DAVID GILMOUR: Wenn die Welt das nur schon früher so gesehen hätte! WELT: Haben Sie die Bestätigung Ihrer Persönlichkeit nie außerhalb der Bühne gefunden? DAVID GILMOUR: Schauen Sie sich das Konzert in der Londoner Royal Albert Hall an, das wir für meine neue DVD "Remember That Night" aufgezeichnet haben. Es enthält die Bestätigung der Bestätigung. Ich habe das Spielen vor mehreren hunderttausend Zuschauern nie als Bestätigung meiner Person, oder sogar als Droge empfunden. Wie gut ich in dem bin, was ich als meinen Job bezeichne, habe ich schon früh in meiner Karriere erkannt, weil ich als Musiker Emotionen transportieren konnte. Dass die Bestätigung meiner privaten Persönlichkeit in den letzten Jahren stattfand, hat eine Menge Erfolgs- und Egodruck von mir genommen. WELT: Sie vermissen also die Stadienkonzerte nicht? DAVID GILMOUR: Gott, nein! Die Zeiten, in denen Manager darum konkurrierten, wer die meisten Dollars mit unseren Tourneen machen konnte, sind für mich vorbei. Teilweise weil ich mit meinen Solo-Sachen keine Stadien füllen kann. Was wiederum ein Resultat meine Verweigerung an den Moloch Pink Floyd ist, der diesen Größenwahn erst ermöglicht hat. WELT: Apropos Größenwahn, haben Sie in den Achtzigerjahren Mrs. Thatcher gewählt? DAVID GILMOUR: Nein, ich habe die Tories nie gewählt. Wie meine Eltern vor mir, bin ich bis zum heutigen Tag Labour-Wähler geblieben. Nicht weil ich so sehr an New Labour glaube. Für dieses Konstrukt befinde ich mich politisch-ideologisch viel zu sehr links von der Mitte. WELT: Trotz der vielen Millionen, die Sie besitzen? DAVID GILMOUR: Es steckt ein gewisser Widerspruch zwischen meinem Bankkonto und meiner politischen Überzeugung. Aber wir alle haben mit Widersprüchen zu kämpfen. Das Showgeschäft ist voll davon. Glauben Sie bitte einer redundanten Gestalt der Unterhaltungsindustrie: Hat man das Ziel seiner Ambitionen einmal erreicht, kann man extrem unglücklich und orientierungslos werden. Durch dieses Lebensloch möchte ich nicht noch mal waten müssen. Ende The English Version was translated by Clemens from A Fleeting Glimpse.
DIE WELT: Mr. Gilmour, shall we put the unpleasant
part of this interview behind us immediately? |
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