Keine Zeit für freie Liebe.

05.02.2006: Die Welt

 

von Josef Engels

Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason über psychedelischen Rock, die Sechziger und fliegende Schweine

DIE WELT: Wie erklärt man der ahnungslosen Jugend, worum es bei Pink Floyd eigentlich ging?

Nick Mason: Das ist eine Frage, die fast unmöglich zu beantworten ist. Und zwar aus folgendem Grund: was Pink Floyd war und ist, hat sich über die Jahre verändert. Die zwanzigjährigen Musiker, die es 1966 mit Hoffnungen und Ambitionen ins Musikgeschäft verschlagen hat, unterschieden sich doch sehr stark von den Leuten, die 1972 "Dark Side of the Moon" aufnahmen. Und die waren absolut anders drauf als die Typen, die Ende der 70er "The Wall" herausbrachten.

Es gibt eine Theorie, die besagt, daß in den 60er Jahren alles länger wurde - die Haare, die Diskussionen, die Drogentrips, die Gitarrensoli. Warum war das so?

Mason: Junge Leute hatten plötzlich viel Zeit und Geld. So etwas hatte es vorher noch nie gegeben! Vor dem Krieg war man als junger Mensch normalerweise Lehrling und lebte mit großem Respekt vor den Älteren. Der Rock 'n' Roll änderte das. Plötzlich gab es junge Menschen, die enorm erfolgreich waren. Diese Kultur des erfolgreichen Jungunternehmertums setzte sich in den 60ern fort. Es gab Fotographen wie David Bailey, es gab das Mode-Ding mit all den jungen Designern, es gab die Musik. Zeitgleich reifte aber die Überzeugung, daß es nicht nur um Geld und Erfolg gehen solle. Das brachte eine alternative Szene hervor, die bis in die 70er existierte. Ich erinnere mich noch an ein Konzert in Deutschland, als die Studenten mit einem VW-Bus und einem Rammbock versuchten, die Hallen-Türen aufzubrechen. Sie wollten "freie Musik". Und freien Eintritt.

In Ihrem Buch merken Sie an, daß die kreative und alternative Jugendkultur vor lauter Happenings und Konzerten die gesellschaftliche Realität vergaß und den streberhaften Mauerblümchen kampflos die Politik überließ...

Mason: Ja. Ich schreibe über die Leute, die von dem ganzen Freie-Liebe-Ding ausgeschlossen waren und später zu konservativen Tory-Politikern wurden, die alles in die Hand nahmen.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen? Lieferte Pink Floyd den Soundtrack zum Eskapismus?

Mason: Ich denke, keiner von uns fühlte sich verantwortlich für die Entwicklung. Rückblickend haben wir vielleicht den Hintergrund geliefert. Das Problem war: Obwohl wir sehr eng mit der Psychedelic-Bewegung und dem Londoner Untergrund verbunden waren, hatten wir eine nur sehr geringe politische Motivation. Wir wollten eine Rock-Band sein. Während alle freie Liebe in London hatten, saßen wir in unserem Band-Bus Richtung Doncaster. Um ein Konzert so geben.

In punkto Bühnenshow war die Band früh recht erfindungsreich. Ihre Lichttechniker benutzten Kondome für Effekte...

Mason: Wir brauchten sehr dünnes Latex, um Tinte vor einem Scheinwerferglas zerlaufen zu lassen. Das ergab seltsame organische Muster. Wir haben sehr simpel gearbeitet.

Was war das gehirnverbrannteste Gimmick, das Pink Floyd bei Live-Shows verwendete?

Mason: Nun, die gehirnverbranntesten Gimmicks haben wir nie benutzt. Die waren so bescheuert, daß sie nicht umzusetzen waren. Etwa der riesige Kran bei der letzten Pink-Floyd-Tour, der mit seinem Schwenk-Arm voller Scheinwerfer direkt an der Bühne stehen sollte. Wenn der umgekippt wäre, hätte der mindestens die Hälfte der Band getötet. Oder dieser gigantische Projektor, den wir einmal mit auf Tour nehmen wollten. Der hatte einen Motor, der 40 000 Umdrehungen in der Minute macht. Aber: der durfte nicht ausgeschaltet werden. Sobald man das getan hätte, wäre der Projektor explodiert. Man hätte ihn die ganze Zeit laufend transportieren müssen. Ging nicht. Eine andere Sache war der ferngesteuerte Heliumballon mit Scheinwerfern. Der war sehr klein, so groß wie das Zimmer hier vielleicht. Der hätte wunderbar übers Publikum fliegen können. Großartige Idee. Wenn das Ding aber mitten im Stadion abgeschmiert wäre - gute Nacht.

Mit der heutigen Computertechnologie hätte sich Pink Floyd viel Zeit sparen können. Verfluchen Sie manchmal die Tatsache, zu früh geboren zu sein?

Mason: Nein. Es war gut, sich langsam entwickeln zu können, im Gleichschritt mit der Technologie. Es gab in den 60ern weniger Auswahl an Effekten, da war man schnell durch. Später, als man im Studio viel mehr Möglichkeiten hatte, dauerte es ewig, bis man alles durchprobiert hatte.

Gibt es eine Band, die in die Fußstapfen von Pink Floyd treten könnte?

Mason: Sicher. Es ist doch interessant, was mit einer Band wie den Arctic Monkeys passiert. Gerade in dem Augenblick, wo es heißt, daß Rock 'n' Roll tot sei, kommt da eine Gruppe, die nicht Teil einer TV-Show ist oder gecastet wurde. Nach all dem Karaoke-Pop sind wieder Leute gefragt, die ihr eigenes Material schreiben.

Nun soll "The Wall" als Musical aufgeführt werden ...

Mason: Roger Waters erzählte mir davon. Das könnte interessant sein. Wahrscheinlich besser als das Original. Man könnte die Effekte optimieren. Es wäre mit Sicherheit eine phantastische Show.

Vielleicht so ähnlich wie die Broadway-Adaption von Monty Pythons "Ritter der Kokosnuß"?

Mason: Ich bin mir sicher, daß wäre ein Vergleich, den Roger besonders toll fände ... (lacht)

Welches Ereignis könnte Pink Floyd wieder gemeinsam auf die Bühne zurückbringen? Müßte es größer sein als Live8?

Mason: So etwas in der Art wie Live8. Falls es etwa einen unglaublichen Friedensprozeß im Nahen Osten gäbe, wo beide Seiten, Israelis und Palästinenser, zu einer echten Einigung kämen. Wenn wir dazu beitragen könnten - da wären wir sicherlich dabei. Live8 hat schließlich bewiesen: Wo immer die Differenzen liegen mögen - wir können sie überwinden. Ich glaube, keiner von uns hat sich nach der Show gedacht: Das war ein Fehler. Es sollte da kein Mißverständnis entstehen. Live8 bedeutete nicht, daß wir die dicksten Freunde sind. Roger und ich sind wieder befreundet, was großartig ist. Aber Roger und David Gilmour haben sich bei ihrer Umarmung bestimmt nicht gedacht: Ich habe all die Jahre etwas falsch gemacht. Sie haben immer noch enorme Meinungsverschiedenheiten.

Die Fragen stellte Josef Engels.

Die Welt

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