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von
Josef Engels
Pink-Floyd-Schlagzeuger
Nick Mason über psychedelischen Rock, die Sechziger und fliegende
Schweine
DIE
WELT: Wie erklärt man der ahnungslosen Jugend, worum es bei Pink
Floyd eigentlich ging?
Nick Mason: Das ist eine Frage, die fast unmöglich
zu beantworten ist. Und zwar aus folgendem Grund: was Pink Floyd war und
ist, hat sich über die Jahre verändert. Die zwanzigjährigen Musiker,
die es 1966 mit Hoffnungen und Ambitionen ins Musikgeschäft verschlagen
hat, unterschieden sich doch sehr stark von den Leuten, die 1972 "Dark
Side of the Moon" aufnahmen. Und die waren absolut anders drauf als
die Typen, die Ende der 70er "The Wall" herausbrachten.
Es gibt eine Theorie, die
besagt, daß in den 60er Jahren alles länger wurde - die Haare, die
Diskussionen, die Drogentrips, die Gitarrensoli. Warum war das so?
Mason: Junge Leute hatten plötzlich viel Zeit
und Geld. So etwas hatte es vorher noch nie gegeben! Vor dem Krieg war
man als junger Mensch normalerweise Lehrling und lebte mit großem
Respekt vor den Älteren. Der Rock 'n' Roll änderte das. Plötzlich gab
es junge Menschen, die enorm erfolgreich waren. Diese Kultur des
erfolgreichen Jungunternehmertums setzte sich in den 60ern fort. Es gab
Fotographen wie David Bailey, es gab das Mode-Ding mit all den jungen
Designern, es gab die Musik. Zeitgleich reifte aber die Überzeugung, daß
es nicht nur um Geld und Erfolg gehen solle. Das brachte eine
alternative Szene hervor, die bis in die 70er existierte. Ich erinnere
mich noch an ein Konzert in Deutschland, als die Studenten mit einem
VW-Bus und einem Rammbock versuchten, die Hallen-Türen aufzubrechen.
Sie wollten "freie Musik". Und freien Eintritt.
In Ihrem Buch merken Sie
an, daß die kreative und alternative Jugendkultur vor lauter Happenings
und Konzerten die gesellschaftliche Realität vergaß und den
streberhaften Mauerblümchen kampflos die Politik überließ...
Mason: Ja. Ich schreibe über die Leute, die
von dem ganzen Freie-Liebe-Ding ausgeschlossen waren und später zu
konservativen Tory-Politikern wurden, die alles in die Hand nahmen.
Haben Sie ein schlechtes
Gewissen? Lieferte Pink Floyd den Soundtrack zum Eskapismus?
Mason: Ich denke, keiner von uns fühlte sich
verantwortlich für die Entwicklung. Rückblickend haben wir vielleicht
den Hintergrund geliefert. Das Problem war: Obwohl wir sehr eng mit der
Psychedelic-Bewegung und dem Londoner Untergrund verbunden waren, hatten
wir eine nur sehr geringe politische Motivation. Wir wollten eine
Rock-Band sein. Während alle freie Liebe in London hatten, saßen wir
in unserem Band-Bus Richtung Doncaster. Um ein Konzert so geben.
In punkto Bühnenshow war
die Band früh recht erfindungsreich. Ihre Lichttechniker benutzten
Kondome für Effekte...
Mason: Wir brauchten sehr dünnes Latex, um
Tinte vor einem Scheinwerferglas zerlaufen zu lassen. Das ergab seltsame
organische Muster. Wir haben sehr simpel gearbeitet.
Was war das
gehirnverbrannteste Gimmick, das Pink Floyd bei Live-Shows verwendete?
Mason: Nun, die gehirnverbranntesten Gimmicks
haben wir nie benutzt. Die waren so bescheuert, daß sie nicht
umzusetzen waren. Etwa der riesige Kran bei der letzten Pink-Floyd-Tour,
der mit seinem Schwenk-Arm voller Scheinwerfer direkt an der Bühne
stehen sollte. Wenn der umgekippt wäre, hätte der mindestens die Hälfte
der Band getötet. Oder dieser gigantische Projektor, den wir einmal mit
auf Tour nehmen wollten. Der hatte einen Motor, der 40 000
Umdrehungen in der Minute macht. Aber: der durfte nicht ausgeschaltet
werden. Sobald man das getan hätte, wäre der Projektor explodiert. Man
hätte ihn die ganze Zeit laufend transportieren müssen. Ging nicht.
Eine andere Sache war der ferngesteuerte Heliumballon mit Scheinwerfern.
Der war sehr klein, so groß wie das Zimmer hier vielleicht. Der hätte
wunderbar übers Publikum fliegen können. Großartige Idee. Wenn das
Ding aber mitten im Stadion abgeschmiert wäre - gute Nacht.
Mit der heutigen
Computertechnologie hätte sich Pink Floyd viel Zeit sparen können.
Verfluchen Sie manchmal die Tatsache, zu früh geboren zu sein?
Mason: Nein. Es war gut, sich langsam
entwickeln zu können, im Gleichschritt mit der Technologie. Es gab in
den 60ern weniger Auswahl an Effekten, da war man schnell durch. Später,
als man im Studio viel mehr Möglichkeiten hatte, dauerte es ewig, bis
man alles durchprobiert hatte.
Gibt es eine Band, die in
die Fußstapfen von Pink Floyd treten könnte?
Mason: Sicher. Es ist doch interessant, was
mit einer Band wie den Arctic Monkeys passiert. Gerade in dem
Augenblick, wo es heißt, daß Rock 'n' Roll tot sei, kommt da eine
Gruppe, die nicht Teil einer TV-Show ist oder gecastet wurde. Nach all
dem Karaoke-Pop sind wieder Leute gefragt, die ihr eigenes Material
schreiben.
Nun soll "The
Wall" als Musical aufgeführt werden ...
Mason: Roger Waters erzählte mir davon. Das könnte
interessant sein. Wahrscheinlich besser als das Original. Man könnte
die Effekte optimieren. Es wäre mit Sicherheit eine phantastische Show.
Vielleicht so ähnlich wie
die Broadway-Adaption von Monty Pythons "Ritter der Kokosnuß"?
Mason: Ich bin mir sicher, daß wäre ein
Vergleich, den Roger besonders toll fände ... (lacht)
Welches Ereignis könnte
Pink Floyd wieder gemeinsam auf die Bühne zurückbringen? Müßte es größer
sein als Live8?
Mason: So etwas in der Art wie Live8. Falls es
etwa einen unglaublichen Friedensprozeß im Nahen Osten gäbe, wo beide
Seiten, Israelis und Palästinenser, zu einer echten Einigung kämen.
Wenn wir dazu beitragen könnten - da wären wir sicherlich dabei. Live8
hat schließlich bewiesen: Wo immer die Differenzen liegen mögen - wir
können sie überwinden. Ich glaube, keiner von uns hat sich nach der
Show gedacht: Das war ein Fehler. Es sollte da kein Mißverständnis
entstehen. Live8 bedeutete nicht, daß wir die dicksten Freunde sind.
Roger und ich sind wieder befreundet, was großartig ist. Aber Roger und
David Gilmour haben sich bei ihrer Umarmung bestimmt nicht gedacht: Ich
habe all die Jahre etwas falsch gemacht. Sie haben immer noch enorme
Meinungsverschiedenheiten.
Die Fragen stellte Josef Engels.
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